Ben Aaronovitch, Die Flüsse von London

Ein Zauberkrimi…

…voll zauberhaft geerdetem Sarkasmus, in einem überraschend modernen London und voller liebenswerter Figuren. Richtig tolle Unterhaltung!

Trigger-Warnungen: In dem Buch werden körperliche Gewalt und Tod thematisiert, auch der Tod von Kindern.

Die Handlung

„Die Flüsse von London“ steigt zunächst nach klassischer Krimi-Manier medias in res ein: Ein geköpfter Mann wird in der Nähe der Actor’s Church in London gefunden. So weit, so blutrünstig: Wäre da nicht die Tatsache, dass die Überwachungskameras beim Hauptverdächtigen einen Kleidungswechsel in Bruchteilen von Sekunden aufzeichnet, könnte es sich um einen ganz normalen Krimi handeln. Die Ebene des Möglichen wird dann aber komplett verlassen, als schließlich Constable Peter Grant, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, zufällig auf einen wichtigen Zeugen des Mordes trifft. Den Geist eines Trunkenbolds aus dem 18. Jahrhundert…

Die Ereignisse überschlagen sich: Peter Grant wird zum Lehrling von Inspector Nightingale ernannt, der innerhalb der Metropolitan Police für übernatürliche Fälle zuständig ist. Sein Leben verändert sich von Grund auf: Er lernt das Zaubern (und Latein und Griechisch), magische uestigia zu deuten und mit Flussgöttern zu verhandeln. Und seinen Verstand zu benutzen, um dem übersinnlichen Täter auf die Spur zu kommen, der London heimsucht.

Dabei lebt die Handlung einerseits von den Charakteren (zu denen ich noch komme), und andererseits von der unüberschaubar bunten Welt der „Flüsse von London“. Denn die magische Welt, die den britisch-schrulligen Charme von Harry Potter mit modernen Features und diversen Charakteren aufpeppt, hält ständig neue Überraschungen bereit. Das Magiesystem ist einerseits nicht so klar wie man es von anderen Werken kennt (es gibt ganz verschiedene Formen von Magie und darüber hinaus diverse magische Praktiken und Rituale), andererseits wird, was ich sehr toll finde, die Herkunft von Magie thematisiert und quasi-naturwissenschaftlich betrachtet. Ohne vorhersehbar zu werden, natürlich. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind die Menschen auch nicht kategorisch in magisch und nichtmagisch eingeteilt, sondern Magie ist immer da – eine Wirklichkeitsdimension, in die man allerdings von einem bereits ausgebildeten Magier eingeführt werden muss. Sowie eine Sprache ja auch immer da ist, aber man muss sie lernen, um darauf zugreifen zu können.

So wirkt die Handlung sehr stringent: Alles Magische ist „begründbar“, kann aber trotzdem atemberaubend überraschend kommen.

Was ich auch sehr positiv fand: Die Magie ersetzt in diesem Krimi keinesfalls die Bedeutung von logischer Schlussfolgerung, um dem Täter auf die Spur zu kommen. (Es wird ja Fantasy oft vorgeworfen, dass die Magie eine Ausrede ist, um Deus-ex-machina-like jegliche Plot Twists, und seien sie noch so unlogisch, rechtfertigen zu können. Das ist hier definitiv nicht der Fall.)

Die Charaktere

Der Fokus liegt natürlicherweise ganz klar auf dem Ich-Erzähler, Peter Grant. Ich mag ihn sehr, seine gesamte Erzählhaltung voll wohldosiertem Sarkasmus ist für mich sehr überzeugend und unterhaltsam (dazu noch mehr unter „Sprache“). Er hat eine Geschichte, die langsam, aber sicher eingeholt wird, er ist gewöhnlich und dadurch nahbar. Damit meine ich: Er ist weder ein Super-Brain noch eine Ausnahme-Erscheinung moralischer Tugend noch sonst etwas, aber trotzdem individuell.

Mit wem ich nicht ganz so warm geworden bin, ist Inspector Nightingale – was vielleicht mit seiner Position als magischer Meister zusammenhängen könnte und vielleicht auch gar nicht beabsichtigt war. Schließlich hat auch Peter ein eher distanziertes Verhältnis zu ihm. Sowohl seine Vergangenheit liegt im Dunkel (wohl gewollt, weil sich da noch Geheimnisse für die Fortsetzungen verbergen dürften), als auch seine Charaktereigenschaften sind mir etwas zu glatt. Weise ist er, wissend, immer cool, geheimnisvoll… dabei bleibt wenig Raum für „Menschliches“. (Hätte ich die Anführungsstriche als Spoiler kennzeichnen müssen?)

Wen ich dagegen hervorheben möchte, weil er mir ausnehmend gut gefällt, ist Peters Vater, der eigentlich nur kurz auftaucht, aber für Peter trotzdem immer präsent ist. Ich fand es herrlich, wie seine Fehler (wohl auf in Bezug auf Peter) dargestellt wurden – und ernstgenommen wurden! – und er dennoch als sehr warmherziger Mensch gezeichnet wird. Nebenbei ist auch das Verhältnis zwischen ihm und Peter ein wunderbares Beispiel für einen unaufgeregten, verzeihenden Umgang miteinander. Multidimensionalität geglückt.

Die Sprache

Wie immer lasse ich einfach ein Textbeispiel für sich selbst stehen:

Sometimes I wonder whether if I’d been the one that went for coffee and not Lesley May my life would have been much less interesting and certainly much less dangerous. Could it have been anyone, or was it destiny? When I’m considering this I find it helpful to quote the wisdom of my father, who once told me, “Who knows why the fuck anything happens?”

(Ben Aaronovitch, Rivers of London, S. 3).

Und noch kurz zur Diversitätsfrage…

… die ja vor kurzem in der Bubble mal wieder hochgekocht ist. Ich finde, Aaronovitch, der übrigens ein weißer, mittelalter, leicht übergewichtiger Mann ist, ist es in diesem Roman wunderbar gelungen, Forderungen nach Repräsentation zu verwirklichen. Zugegebenermaßen nicht alle, denn hinsichtlich sexueller Diversität kann ich mich an nichts Aktives erinnern. Doch Peter Grant ist, wie „er“ als Ich-Erzähler selbst irgendwann bemerkt, „slightly ethnic“. Man fühlt sich als Leser etwas ertappt, denn Gott sei Dank schaut Peter nicht nach drei Sätzen in den Spiegel und sieht dort einen mittelgroßen Mann mit ebenholzfarbener Haut oder so. Und natürlich habe auch ich mir Peter zuerst als weiß vorgestellt, sogar nach den ersten Hinweisen auf seine Hautfarbe noch. Doch Peters Hautfarbe prägt natürlich auch sein soziales Erleben, und Aaronovitch thematisiert das: Sei es, dass Peter in der U-Bahn, zerzaust und durchnässt von seinem letzten Abenteuer, deutlich schneller skeptische Blicke von den anderen Fahrgästen erntet als ein Weißer es täte. Sei es, dass ein (übrigens deutscher) Familienvater in einem Tohuwabohu sofort meint, seine Familie gegen ihn verteidigen zu müssen – bis Peter seine Police ID zeigt und sich alles in Wohlgefallen auflöst. Wie das reale London eben auch, ist auch Aaronovitchs London nicht frei von subtilem Rassismus. Aber: man spürt Peters Unwohlsein in solchen Situationen, und die Ich-Perspektive trägt noch einmal dazu bei, dass dieses Unwohlsein auch beim Leser ankommt und der subtile Rassismus damit problematisiert wird. Übrigens ohne irgendjemanden zu verteufeln: Der deutsche Familienvater ist, wie sich herausstellt, durchaus nett. (Ich fand es richtig interessant, dass ich übrigens an dieser Stelle der Geschichte sofort ein Deutschen-Vorurteil erwartet hab, nachdem ich in England einmal (!) von einem Betrunkenen als „german freak“ beschimpft wurde. Anderen geht es wohl ständig so. Ich war jedenfalls froh, dass das angedeutete Stereotyp dann im Laufe der Handlung nicht bestätigt wurde.)

Übrigens hat Peter auch selbst Vorurteile, was ebenfalls durchaus realistisch daherkommt. „Weichgespült“ ist „Die Flüsse von London“ jedenfalls sicherlich nicht, was auch an obigem Zitat schon deutlich geworden sein dürfte – aber es problematisiert. Und das finde ich gut!

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