C. S. Lewis, Jenseits des schweigenden Sterns

Die Wiederentdeckung des Himmels,

im Gegensatz zum Weltraum, einer kalten, stillen Todeszone jenseits der Erdatmosphäre, ist das große Thema dieses kleinen, aber feinen Science Fiction-Bandes. Lewis‘ Weltall, sein Himmel, brummt nur so von Leben, von viel besserem Leben als dem auf der Erde, von Leben, in dem es keinen Krieg und keine Gier gibt. Jenseits des schweigenden Sterns ist eine warme und schöne Utopie, die für Leute sehr angenehm zu lesen ist, die keine Action brauchen, sondern sich gern in fremde Welten entführen lassen und über philosophische Grundfragen nachdenken. Einziges Manko: Die Art und Weise, wie diese Grundfragen behandelt werden, kommt manchmal arg „dozierend“, wenn nicht gar dogmatisch, daher.

Trigger-Warnungen: Einige Schilderungen könnten LeserInnen mit Agora- oder Klaustrophobie unangenehm sein.

Kurze Vorbemerkung

Jenseits des schweigenden Sterns, das ich in der deutschen Übersetzung von Walter Brumm, erschienen im Brendow-Verlag, gelesen habe, ist für mich ein Re-Read, ein zweiter Besuch in einer Geschichte und in einer Welt, in der ich in Teenager-Jahren sehr zuhause war. Damit meine ich nicht so sehr die Welt von Malakandra und Perelandra (und Narnia natürlich auch), sondern die Welt der philosophischen Theologie. Lewis, der vor allem als Autor der Chroniken von Narnia bekannt ist, gesteht freimütig, dass er in seinen fantastischen Geschichten versucht, „unter den Deckmantel des Romans jede Menge Theologie zu schmuggeln“ (zitiert nach dem Nachwort von Hans Steinacker, S. 201). Ich habe Lewis als Jugendliche geliebt, weil er mich über seine Geschichten an die Theologie herangeführt hat – schließlich habe ich dieses Fach dann studiert. Umgekehrt heißt das aber auch, dass ich seine Geschichten vor allem für die in ihnen enthaltene Theologie geliebt habe und nicht so sehr um der Geschichte selbst willen.

Lewis war ein enger Freund und Vertrauter von Tolkien. Das Christentum spielte in der Beziehung der beiden eine entscheidende Rolle; Tolkien dürfte für Lewis‘ Konversion zum Christentum prägend gewesen sein. Das Christentum ist auch in beider Autoren Werk spürbar, doch auf je unterschiedliche Weise. Tolkien interpretierte sein literarisches Schaffen als von seinem religiösen Denken zwar nicht unabhängig – seine moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen reichen selbstverständlich nach Mittelerde hinein – doch sieht er Fantasy als Genre nicht in erster Linie als Einkleidung und Verdeutlichung der eigenen Weltanschauung, sondern als eigenständige Geschichte, die erzählt werden will. Bei Lewis ist das Gewicht anders gelagert, und Tolkien hat ihm oft vorgeworfen, seine Werke seien zu allegorisch, hätten allzu offensichtliche Zweitbedeutungen, die den Zauber dieser Welten brechen. Das ist aus Narnia bekannt: Irgendwann kommt man darauf, dass die Geschichten, negativ gesprochen, eine Nacherzählung der Bibel sind. Aslan „ist“ Jesus in einer anderen Welt, der König von Narnia erzählt die Passions- und Ostergeschichte, das Wunder von Narnia die Genesis und so weiter. Lewis hätte es freilich anders beschrieben. Für ihn war Narnia ein literarischer Versuch, wie Gottes Wirken in einer anderen Welt als der unseren aussehen könnte. Eine Möglichkeit, den über Jahrhunderte der Vertrautheit angelagerten Staub von den biblischen Geschichten zu blasen.

Mein Interesse für Theologie habe ich nie verloren. Von Lewis‘ „populärtheologischer“ Fantasy allerdings habe ich mich immer weiter entfernt. Einerseits, weil ich der Meinung bin, dass Literatur mehr als nur eine Encodierung von philosophischen Meinungen sein sollte, sondern einen Eigenwert haben sollte. Zweitens, weil mir Lewis‘ Theologie, die hinter seinen Werken steckt, zunehmend naiv vorkommt.

Das letztere ist eine ganz andere Geschichte – aber wie steht es mit dem ersten? Hat Jenseits des schweigenden Sterns einen literarischen Eigenwert jenseits der beabsichtigten „Moral von der Geschicht“?

Handlung und Welt

Die Handlung ist eigentlich ziemlich rasch erzählt. Der Rahmen ist der, dass Autor Lewis stellvertretend die Erlebnisse seines Freundes Dr. Ransom berichtet. Dr. Ransom, ein Philologe, gerät auf einer Urlaubswanderung durch die englische Hügellandschaft an zwei Naturwissenschaftler, die ihn betäuben und entführen – mit einem Raumschiff auf den Planeten Malakandra, den wir als Mars kennen. Dieses Nebeneinander von englischer Tweed- und Tee-Gemütlichkeit und kosmischen, phantastischen Reisen ist, nebenbei bemerkt, ziemlich typisch für Lewis, bei dem auch in den Narnia-Chroniken an Cair Paravel, dem Schloss der vier Throne, der Weihnachtsmann in seinem Schlitten vorbeifährt.

Die Reise nach Malakandra, durch den strahlend hellen und tief dunklen Weltraum, den Ransom später beharrlich „Himmel“ nennen wird, nimmt dabei bereits sehr breiten Raum ein. Endlose Weite und gleichzeitig ein Licht, das so energetisierend ist, dass Ransom in seiner prekären Lage weder Angst noch Kummer empfindet, sondern so mutig und ruhig ist, dass er sich selbst nicht mehr wiedererkennt. Schon hier wird mit dem Bild des Weltraumes als Todeszone gebrochen.

Durch belauschte Gespräche wird Ransom klar, dass er aus einem bestimmten Grund nach Malakandra gebracht werden soll: Die dort heimischen Außerirdischen verlangen ein Menschenopfer als Gegenleistung für die Erlaubnis an die zwei Wissenschaftler, auf Malakandra Gold zu schürfen (in der malakandrischen Ausdrucksweise „Sonnenblut“ genannt).

Bei der „Übergabe“ gelingt Ransom die Flucht und allein schlägt er sich durch die malakandrische Wildnis, bis er von Hrossa, einer der drei intelligenten Spezies von Malakandra, aufgegabelt und gastfreundlich aufgenommen wird. Der Beschreibung dieser Zeit ist wiederum breiter Raum gegeben. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber: die malakandrische Landschaft ist wahrhaft außerirdisch. Ganz anders, wie man denkt, mit interessanten und neuen landschaftlichen Konzepten. Ebenso die Spezies: So beschrieben, dass man sie sich nie restlos vorstellen kann, aber doch ganz anders als Menschen.

Nach und nach fällt von Ransom das (nach eigener Angabe von H. G. Wells übernommene) Bild der grausamen, vor Tentakeln strotzenden Außerirdischen ab. Malakandra ist keine grausame, feindliche Welt. Ihre drei Völker, die Sorne, die Hrossa und die Pfifltriggi sind so unterschiedlich wie friedfertig. Auf eine sehr starke Weise friedfertig: Sie kennen keine Expansionsbestrebungen, keine Rivalität zu den anderen Völkern, keine Gier. Auf einer tieferen Ebene wird deutlich: Sie fürchten sich nicht vor dem Tod, der das Leben ebenso natürlich beendet wie jede Freude, jeder Genuss ein Ende haben muss. (Hier fügt Lewis einen kleinen Seitenhieb auf die Sexualethik ein: Die Hrossa beispielsweise genießen Sexualität durchaus, aber so selten, dass es bei ihnen zu keiner Überbevölkerung und zu keiner Konkurrenz um Nahrung kommt). Die Malakandrier sind nicht gierig, gleichzeitig aber nicht blass: Sie wissen ihren Geist mit Musik, Literatur, Wissen und Handwerk zu füllen. Eine wahre Utopie. Nicht einmal das Wort „böse“ gibt es in der malakandrischen Sprache. Sie drücken das eher mit „verbogen“ aus.

Nach einem schweren Zwischenfall – dem einzigen Punkt der Geschichte, wo wirkliche Spannung im herkömmlichen Sinne aufkommt – wird Ransom zusammen mit den beiden Wissenschaftlern, die ihn mittlerweile aufgespürt haben, zu Oyarsa geschickt, dem mythischen, beinahe unsichtbaren Herrscher von Malakandra, dem alle drei Völker gehorchen und der eine weise, gütige Herrschaft im Namen von Maleldil, dem höchsten Gott, ausübt. Das Gespräch, zwischen diesen vieren, in dem Oyarsa darum ringt, die menschlichen Eindringlinge zu verstehen und mehr über ihre Heimat zu erfahren, bildet den Höhepunkt des Buches. Ja, richtig: ein Gespräch. In diesem wird dann auch deutlich, worum das ganze Buch sich eigentlich dreht: Nicht Malakandra steht im Titel, sondern der schweigende Stern: Thulkandra, die Erde, die Heimat der Menschen. Ein großer mythologischer Bogen wird um Thulkandra gezogen, in dem man tatsächlich unschwer die (nebenbei bemerkt: nicht biblische) Geschichte vom gefallenen Engel Lucifer erkennt: Der Oyarsa dieses Planeten, der mächtiger ist als alle anderen, sagte sich vor Urzeiten, noch vor allem Leben auf der Erde, von Maleldil los und stürzte seinen Planeten ins Verderben, indem er die Menschen dort „verbogen“ macht.

Hinter Oyarsas zarten Andeutungen verbirgt sich dann unschwer erkennbar die Geschichte von der Erlösung der Welt durch Jesu Sterben und Auferstehen:

„…wir wissen nichts mehr von diesem Planeten: Er schweigt. Wir glauben nicht, dass Maleldil ihn völlig dem Verbogenen überlässt, und es gibt Geschichten bei uns, denen zufolge Er einen seltsamen Ran angenommen und im Ringen mit dem Verbogenen auf Thulkandra Schreckliches gewagt hat.“  (S. 148)

Die drei Menschen werden zurück zur Erde geschickt. Gebeutelt von den Ereignissen bestellt Ransom im nächsten Gasthaus ein großes Helles.

Die Charaktere

Hier ist es allein schon überaus schwierig, zu bestimmen, wen man überhaupt als einen der Charaktere verstehen sollte. Bei Ransom sowie den Wissenschaftlern Devine und Weston ist das relativ klar. Ebenso bei Hyoi, Ransoms bestem Freund unter den Hrossa, und Augray, dem Sorn, der ihn zu Oyarsa bringt. Aber wie steht es mit Oyarsa selbst? Er ist eigentlich schon kaum noch menschlich, die Stimme einer höheren Intelligenz – aber nicht im kühlen Sinne, sondern im Sinne eines warmen, freundlichen weisen Mannes (nur eben etwas weiser als ein weiser Mann), der aber auch hart und unerbittlich sein kann. Das passt aber auch sehr gut zu Oyarsas Rolle.

Bei den übrigen Charakteren sehe ich – aufgrund dessen, was wir heute oft an die Charakterzeichnung erwarten – starke Mängel in der Art, wie sie geschildert werden. Ihre Schilderung beschränkt sich oft auf wenige Eigenschaften. Devine ist gierig, Weston ist ein skrupelloser, verblendeter Idealist. Am „echtesten“ wirkt noch Ransom. Er ist ein relativ durchschnittlicher Typ, ist ein bisschen Gemütsmensch, ist ein bisschen begeistert für sein Fach, ist ein bisschen ängstlich und ein bisschen mutig. Insgesamt jedoch drängt sich der Eindruck auf, dass Lewis eher Archetypen von Menschen beschreibt als echte Menschen.

Am interessantesten fand ich dann noch die Erzählstimme selbst, die über den gesamten Roman hinweg deutlich hervortritt und am Ende des Buches noch einmal ein klares Gesicht bekommt. Sie tritt deshalb so deutlich zu Tage, weil der Erzähler eine gewisse Distanz zu den Figuren hält, einige Male Informationen willentlich zurückhält und das Verhalten ihrer Figuren ausgeprägt bewertet. Das ist mir als das entscheidendste Charakteristikum aufgefallen: Die ausgeprägte Neigung, Verhaltensweisen und Menschen in gewisse „Typen“ einzuordnen. Beispielhaft hier:

„Er empfand für ihn jene Abneigung, die man jemandem entgegenbringt, den man in seiner Jugend bewundert und dann als hohl durchschaut hat.“ (S. 17)

Diese Tendenz, im Verhalten von Menschen das Allgemeine, wenn man so will „ewig Gültige“ zu sehen, hinter dem das Individuelle der Menschen verblasst, ist innerhalb des Romans und für Lewis allgemein typisch. Leider kann es manchmal etwas arrogant wirken.

Die Sprache

Sprachlich gesehen punktet der Roman, mit einer einfachen, schlichten, aber ausdrucksstarken Sprache. Ich habe einmal gehört, wie der Schreibstil von Autoren mit einer Art japanischer Kalligraphie verglichen wurde: Die Kunst ist es, mit nur wenigen Pinselstrichen ein Bild im Kopf des Betrachters zu erzeugen. Diese Technik beherrscht Lewis ebenfalls hervorragend:

„Obwohl kein Schnee lag, war es außergewöhnlich hell. Das Licht nahm zu, wurde schärfer und weißer; und der Himmel war so tiefblau, wie er ihn bisher auf Malakandra noch nicht gesehen hatte. Eigentlich war er dunkler als blau; er war beinahe schwarz, und die zerklüfteten Felstürme hoben sich von ihm ab – so hatte er sich eine Mondlandschaft vorgestellt. Einige Sterne waren zu sehen.“ (S. 109)

Anmerkung: Diese Beschreibung galt einer etwas klischeehafteren Landschaft. Es gibt auf Malakandra noch ganz andere Landschaften.

Die ganze Geschichte hindurch behält die Sprache einen angenehm zu lesenden Fluss bei und ist unaufgeregt, stagniert aber nicht. Und tatsächlich kommt auch die Komik manchmal nicht zu kurz, wenn z.B. Weston und Devine versuchen, Malakandrisch zu reden…

Und was denke ich nun?

Nach meiner zweiten Reise nach Malakandra bin ich doch etwas überrascht worden. Zwar stimmt all das nach wie vor, was ich über den Roman gedacht hatte – dass er doziert, dass er eine ganz bestimmte Botschaft vermitteln will, dass er auf die Geschichte an sich keinen Wert legt. Aber mir sind auch andere Aspekte des Romans wieder deutlicher vor Augen getreten: Dass er eine wunderbare, im wahrsten Sinne des Wortes phantastische Welt erschafft, die zu Zeiten Lewis, in der es Ursula Le Guins Science Fiction-Romane noch nicht gegeben hatte, durchaus innovativ ist: Außerirdische, vor denen die sich für ach so überlegen haltenden Menschen aussehen wie Schuljungen. Eine interessante Mischung von Atmosphären (ich habe ja die Tweed- und Tee-Gemütlichkeit erwähnt…) und Situationen lässt den Leser ständig neues entdecken. Insofern ist der Roman spannend, sicherlich nicht aufgrund des schnellen Tempos der Geschehnisse, sondern aufgrund der großen Fremdheit der beschriebenen Welt.

Und auch was die philosophisch-theologischen Fragen anbelangt, ist Lewis in seinem christlichen Dozieren nicht so weit gegangen, wie man meinen möchte. Beispielsweise fehlen, obwohl es durchaus Anlass gäbe, Hinweise auf ein Leben nach dem Tod. Mit der hier vertretenen Philosophie einer Akzeptanz des Todes und der Vergänglichkeit aller Dinge als natürlich bewegt sich Jenseits des schweigenden Sterns eher in die Richtung von Le Guins Erdsee-Zyklus. Auch die Geschichte vom gefallenen Oyarsa von Thulkandra, der so sehr an den christlichen Teufel erinnert, lässt sich nicht nur aus dieser Perspektive verstehen, sondern auch als eine mythologisierende Antwort auf die Frage, die der Roman durch das Aufzeigen der Differenzen zwischen Menschen und Malakandriern aufwirft: Woher kommt die Neigung des Menschen zum Schlechten oder sogar, je nach Deutung, zum Bösen, der kaum ein Mensch je entkommt? Warum können wir nicht sein wie die Malakandrier? Ob man das mit einem gefallenen Oyarsa oder einem gefallenen Engel oder durch die biblische Sündenfallgeschichte erklärt, beides sind mythologische Weisen, mit dieser Frage umzugehen. Und vielleicht kann man mit Fragen, auf die man sonst keine Antwort findet, nur so umgehen, sei man selbst Christ oder nicht.

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