Friedhöfe, Mittelerde, Narnia und die Insel

Ich durfte diesen Sommer eine kleine England-Tour machen – und entschuldige mich gleich vorab, dass ihr auf Twitter so wenig davon mitbekommen habt. Ich hätte wirklich ein paar Bilder posten können oder auch ein paar Anekdoten mehr. Aber ich fühle mich irgendwie immer ein bisschen blöd dabei, so als würde ich mit meinem Urlaub angeben – dabei liebe ich es sonst, von den Auslandserfahrungen anderer Leute zu lesen/zu hören/etwas davon zu sehen. Habt ihr die VLOGs von Liza Grimm aus Seoul gesehen? So schöne Einblicke! Vor allem schön, weil ich wahrscheinlich nie selbst nach Südkorea kommen werde.

Daher gelobe ich für meine nächste Reise Besserung – und will mein Versäumnis nachholen, indem ich hier ein bisschen erzähle, wie es war.

Meine drei Stationen waren Oxford, Bath und Cardiff. Um den typischen englischen Regen zu erleben, haben wir nach Wales fahren müssen, dafür habe ich aus Oxford und Bath einen Sonnenbrand als Souvenir mit nach Hause genommen. (Aus England?? Nicht dein Ernst.)

In Oxford war ich beruflich und hab mir Zeit für Besichtigungen vom Schlaf absparen müssen. Das Ergebnis war eine etwas komische Auswahl an Sehenswürdigkeiten, nämlich genau zwei Friedhöfe und ein Museum. (Wenn ihr euch für die Antike interessiert und zufällig in Oxford seid: Geht ins Ashmolean Museum. Es ist riesig und mit freiwilliger Spende als Eintritt!)

Für die zwei Friedhöfe musste ich zweimal in entgegengesetzte Richtung mit dem Bus aus Oxford herausfahren: Nach Norden zum Wolvercote Cemetery und nach Osten zur Holy Trinity Church. Im Wolvercote Cemetery liegt J.R.R. Tolkien begraben, auf dem Friedhof der Trinity Church C.S. Lewis. Beide waren in meiner Kindheit so wichtig für mich, dass ich das Gefühl hatte, sie besuchen zu müssen – Lewis noch mehr als Tolkien.

Bei der Busfahrt nach Wolvercote kommt man an dem Pub „The Eagle and Child“ vorbei, wo die beiden Freunde sich ihre Geschichten aus Mittelerde und Narnia vorgelesen haben. Dort hat übrigens Lewis seinen Freund zur Veröffentlichung ermutigt und Tolkien seinem Freund von der Veröffentlichung abgeraten, also ein durchaus geschichtsträchtiger Ort für die moderne Phantastik. Tatsächlich bin ich froh, dass Lewis nicht auf Tolkien gehört hat, auch wenn ich jetzt, ein paar Jährchen älter, all die Schwächen der Chroniken von Narnia sehe, die auch Tolkien gesehen hat. Und überhaupt mag ich heute unter den Phantastik-Klassikern Ursula Le Guin lieber als beide. Aber meine Eingangstür in die phantastische Literatur, als ich sie auch als solche in ihrer Eigenheit wahrgenommen habe, war nunmal die Tür des Wandschranks, die nach Narnia führt. Deshalb liebe ich die Chroniken noch heute.

Tolkien aber habe ich zuerst besucht, der in der kleinen Katholiken-Abteilung des Wolvercote Cemetery begraben liegt. Dass es die Katholiken-Abteilung war, wusste ich von einer Informationstafel – es gibt auch einen eigenen Bereich für jüdische Gräber. Neben der Informationstafel am Eingang warnt die Thames Valley Police vor Diebstählen aus geschlossenen Autos.

Hin zu dem Grab führten dezent in den Boden eingelassene Hinweistafeln. Sehr touristenfreundlich und vorbildlich organisiert, so weit.

Bereits der Friedhof ist schon ganz anders, als man es in Deutschland kennt. Zumindest sind die durchschnittlichen Friedhöfe, die mir in den Sinn kommen, immer so aufgebaut: Fein säuberliche, gerade Reihen von Gräbern, dazwischen Kies. Grabsteine, die teils futuristische Formen annehmen können, mit einem kleinen und liebevoll gepflegten Blumenbeet oder einer sauberen Steinplatte davor. Alles wohlorganisiert und modern.

Englische Friedhöfe dagegen (ich habe insgesamt vier gesehen) sind wahrhaft historische und altehrwürdige Orte. Sie gleichen eher weitläufigen Parks. Uralte Bäume stehen da, so riesig und ihre Stämme so dick, dass man fünf Leute braucht, um sie zu umfassen (keine Übertreibung, ich hab’s ausprobiert). Von symmetrischer Anordnung kann keine Rede sein, sondern die Grabsteine sind kreuz und quer durcheinandergewürfelt. Die meisten sind schon lange windschief und von Efeu überwuchert. Die Geburts- und Sterbedaten gehen teils bis ins 18. Jahrhundert zurück, und auch heute noch kann man lesen, wem damals, vor mehr als 200 Jahren, ein Grabstein „in loving memory“ gewidmet wurde. So etwas wie die bei uns übliche Auflösung von Gräbern, um die sich keiner mehr kümmern kann, scheint da nicht bekannt zu sein. Sie bleiben einfach stehen – und sich selbst überlassen.

Seit dem Wolvercote Cemetery hab ich auf der Reise immer wieder mal Friedhöfe besucht, wenn ich genug vom Trubel hatte oder irgendwo in Ruhe mein Sandwich essen wollte. Denn nirgends ist man, mitten in Städten, so plötzlich in beinahe vollkommener Wildnis. Mit zwitschernden Vögeln und weiten Flächen. Und trotzdem war ich nie völlig allein dort. Irgendjemand ist immer da, um jemanden zu besuchen – auch wenn Engländer ihre Besuchszeit nicht mit Gärtnerarbeit vergeuden. Das überlassen sie schön der Natur.

Aber zurück zu Tolkien, den ich dank der Hinweistafeln gefunden habe. Ich weiß nicht, was ich vom Grab einer Person erwartet habe, die dermaßen viele Fans hat: Blumen? Briefe? Repliken vom Einen Ring? Gandalf-Plastikpuppen?

Da gab es nichts dergleichen. Offenkundig von Fans war nur ein schmaler Brief, dessen Verfasser, wie auf dem Briefkopf stand, 11.000 Meilen hergereist waren. Sonst war es ein ganz normales Grab, mit ein paar zerzausten und von Schnecken zermampften Pflanzen im Beet. Meine Mutter würde sich für so ein ungepflegtes Grab was schämen. Aber in England sehen, wie gesagt, fast alle Gräber so aus.

Berührt aber hat mich die Grabinschrift. Tolkiens Frau Edith ist vor ihm gestorben, steht also auch am Anfang der Inschrift. Dezent steht unter ihrem Namen und ihrem Sterbedatum: Lúthien. Ein Name, dessen ganze Bedeutung nur der kennen kann, der Tolkiens Bücher gelesen hat. Tolkien selbst nennt sich, oder ist von seiner ihn überlebenden Familie genannt worden: Beren.

À Dieu, Lúthien. À Dieu, Beren.

Bei Lewis aber wird mehr los sein, dachte ich. Schließlich hat Lewis eine bedeutende christlich geprägte Fanbase, und engagierte Christen tendieren vielleicht mehr zur Grabpflege.

Der Friedhof der Holy Trinity Church, ebenfalls an einem der äußersten Ränder von Oxford, ist viel kleiner als der Wolvercote Cemetery; schmiegt sich verschlafen um eine alte, gedrungene Steinkirche.

Lewis‘ Grab, zu dem auch hier ein Hinweisschild hinlotst, ist ein Plattengrab, in dem noch sein Vater und sein Bruder beigesetzt sind. Es steht im Schatten eines der großen englischen Bäume. Und es ist genauso leer wie das von Tolkien. Keine einzige Blume, nicht einmal eine zermampfte Pflanze, zeugt von Besuchern. Keine Devotionalien. Das Grab liegt so ruhig, abgeschieden und unberührt neben den anderen, als wäre es Teil einer längst untergegangenen Zivilisation.

Erst als ich gehe, fällt mir, in schüchterner Distanz zum Grab, ein kleiner Stein im Gras auf, der schwarz bepinselt die Worte trägt: Jack, Thank you.

Ich rücke den Stein etwas näher zum Grab. Dasselbe wollte ich nämlich auch gerade sagen.

Ich will jetzt einfach mal annehmen, dass der Grund für die von Fans erstaunlich unbehelligten Gräber nicht ist, dass sie regelmäßig von Verwandten abgeräumt werden. (Oder, dass das Besuchen von Toten, auch toten Idolen, ein seltsamer Spleen von mir ist.) Ich will lieber denken, dass Bücherfans doch eine andere Kultur haben als Fans von berühmten Sängerinnen und Sängern. Dass der Personenkult, den es natürlich gibt und den auch meine Besuchsaktion verrät, zumindest weniger ausgeprägt ist. Dass ein Werk geliebt werden kann, ohne dass sein Schöpfer oder seine Schöpferin über die Maße vergöttert wird. (Interesse für eine Person und Vergötterung sind nicht dasselbe.) Dass selbst, wenn Fans das Grab besuchen, der Tote als ein Mensch unter Menschen, die vor dem Tod alle gleich sind, respektiert werden kann.

Wenn es so wäre, fände ich das sehr sympathisch. Und es passt ziemlich gut zur allgemeinen englischen Bestattungskultur, finde ich.

(In Bath war ich tatsächlich zu Recherchezwecken für mein geplantes Projekt. Ich fühle mich noch nicht so sicher damit, vielleicht war ich auch deshalb ein bisschen zurückhaltender, etwas davon zu teilen. Aber vielleicht wird es was, und dann könnt ihr das Ergebnis hoffentlich auf 300 Seiten nachlesen 😉

Hinterlasse einen Kommentar

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei