Tanith Lee: The Birthgrave [Im Herzen des Vulkans]

Ein eigentlich ziemlich modernes Buch…

…das viel mit Religion, Geschlechterrollen und Selbsterkenntnis zu tun hat und ein wenig vielleicht auch mit Game of Thrones. Und dabei, wenn auch in nicht völlig geglückter Weise, die Grenzen des Genres überschreitet.

Aber zuvor ein paar Infos:

Trigger-Warnungen: In dem Buch werden körperliche wie psychische Gewalt, sexueller Missbrauch (teils mit Tieren/Monstern), Selbstmordgedanken, tödlich endende Geburten und eine Geburt beschrieben, nach der die Mutter das Kind verstößt, weil sie keine Gefühle für das Kind entwickeln kann. (Ja, das Buch ist heftig.) Auch wenn ich versuche, so wenig wie möglich zu spoilern, kann die Rezension evtl. ungute Gefühle auslösen.

Meine Textausgabe(n): Ich habe zunächst begonnen, in der deutschen Übersetzung von Thomas Schlück zu lesen. Die war nur noch in einer 1979er Auflage vom Heyne-Verlag über meine Uni-Bibliothek zu bekommen – und die fleißigen Mitarbeiter vom Magazin haben wohl ziemlich komisch geguckt, als da in den heiligen Hallen der Wissenschaft ein Buch mit einer nur mit Brustplatten und Lendenschurz bekleideten Dame auf dem Cover über den Tresen ging. Tja, im Heyne-Verlag ist wohl inzwischen auch die Prüderie eingezogen, oder der Realismus: denn wie die genannten Brustplatten so ganz ohne alles dort gehalten haben, wo sie halten sollen, ist mir ein Rätsel.

Dann bin ich, nicht weil die Übersetzung so schlecht gewesen wäre, sondern aus reiner Neugier auf’s Original, zur englischen e-book-Version von SF Gateway gewechselt, wo dieser Klassiker in der Reihe der Gateway Essentials herausgegeben wurde. Die e-book-Version ist toll gemacht (siehe das Cover oben), lediglich hat sich öfter der Fehler eingeschlichen, dass vor großgeschriebenem Punkt statt des eigentlich nötigen Kommas steht, was manchmal den Lesefluss hemmt. Das ändert nichts daran, dass ich ein Fan von der Arbeit bin, die das SF Gateway für den Erhalt der Fantasy- und Science Fiction-Klassiker leistet, und dabei auch ein sehr erschwingliches Lesevergnügen möglich macht – das e-book hat 2,99 € gekostet.

Die Handlung

„Im Herzen des Vulkans“, so auch der deutsche Titel des Romans, der gleichzeitig der Auftakt einer Trilogie ist, erwacht dessen bis zum Schluss namenlose Protagonistin, aus deren Perspektive der gesamte Roman erzählt wird. Sie weiß nicht, wer sie ist, woher sie kommt – nur, dass sie eine Frau ist, das weiß sie bereits, als sie durch die Finsternis kriecht und einen Ausgang sucht. Noch bevor sie ihn findet, begegnet ihr ein Wesen, das sich Karrakaz, den Seelenlosen nennt, die Manifestation des Bösen, das ihrem untergegangenen Volk entsprungen war. Sie ist die letzte Vertreterin dieses Volkes: hellhäutig, hellhaarig, wunderschön bis auf ihr Gesicht, das Karrakaz ihr in jener ersten Begegnung als hässlich aufzeigt, und das sie daraufhin immer verdeckt. Sie ist unsterblich – jedenfalls durch menschliche Waffen – und verflucht durch die Worte Karrakaz‘, die ihr verheißen, dass er – das Böse – sie einholen und ihr kein Glück auf der Welt vergönnen werde. Einzig den Tod stellt er ihr in Aussicht, den sie nur zu rufen brauche.

Von diesem Punkt aus entfaltet sich die Handlung, die nach dem klassischen Bauprinzip einer Queste aufgebaut ist, mit dem feinen, erfrischenden Unterschied, das nicht klar ist, was die Protagonistin eigentlich sucht: Ein seltsames Verlangen zieht sie zu grüner Jade hin (verwirrend genug), sie sehnt sich nach Wissen über ihr Volk, ihre Herkunft, darüber, wer sie eigentlich ist. Mögliche Antworten werden an sie herangetragen: Sie wird als Göttin verehrt, als Kriegerin geachtet, als Frau in verschiedenen patriarchalischen Gesellschaften von Männern unterdrückt und unterworfen, teils mit roher Gewalt, teils subtil durch psychologische Beeinflussung. Insofern lässt sich der Roman als Allegorie des Lebens, und speziell des Lebens einer Frau lesen: Die Geschichte der Protagonistin liegt offen, wie ein unbeschriebenes Buch, vor uns und kaum eine Wendung des Geschehens lässt sich vorhersagen, (wie schon der Auftritt Karrakaz‘ am Anfang etwas abrupt wirkt). Geht das im Leben nicht auch so?

Es gilt ja oft als Qualitätsmerkmal, wenn ein Plot-Twist gleichzeitig völlig überraschend kommt und doch – im Nachhinein betrachtet – als völlig logisch erscheint: eigentlich musste es doch so kommen. Auf „The Birthgrave“ trifft nur der erste Teil zu. Der Leser/die Leserin wird immer wieder aus der Bahn der Geschichte, in die man sich hineingedacht hat, herausgeschleudert, teils, weil die Protagonistin unmotiviert und wirr handelt, teils, weil die Gesetzmäßigkeiten der Welt ständig erweitert oder sogar revidiert werden. Besonders brutal werden sie im finalen Abschnitt verletzt (ich verrate nur so viel, dass dabei auch die Grenze zwischen Fantasy und Science Fiction überschritten wird). Das macht das Buch einerseits zu einem Feuerwerk für die Sinne, andererseits lässt die Geschichte sowie die gesamte phantastische Welt dadurch an Konsistenz manchmal zu wünschen übrig. Das kann man vielleicht als besonderen Kunstgriff werten; mich selbst hat es eher gestört und mir den Eindruck vermittelt, die Autorin habe es sich zu leicht mit dem Möglichen und Unmöglichen in ihrer Welt gemacht.

Den selben Eindruck habe ich leider auch von dem Ende. Das Ende ist wirklich ein kleines bisschen freaky (lest es selbst!) in der Art, wie es alle Konflikte auflöst und alle losen Fäden am Ende verknüpft. Die Protagonistin findet ihre Vergangenheit und ihr wahres Ich und lernt es zu akzeptieren – an sich etwas Wunderschönes, doch die Art und Weise, wie das zustande kommt (nämlich durch eine technische Errungenschaft, die man vom Weltenbau her nicht im Entferntesten erwartet hätte), kommt für mich zu abrupt und unglaubwürdig daher, und wirkt nach den Wirrnissen der Handlung schon wieder zu glatt. Auf einen Schlag wird die Protagonistin zu einer geradezu gläsernen Persönlichkeit, bis auf den letzten Rest durchanalysiert von der blassen Figur Rarm, der dabei im Übrigen wie die Blaupause eines Psychoanalytikers wirkt – wird das wirklich der Komplexität des Lebens an sich und insbesondere ihres Lebens gerecht? Das einzige Geheimnis, dass sie sich noch bewahrt, ist ihre am Ende offen gelassene Zukunft. Im Blick auf diese läuft das Buch in einem leisen, nachdenklichen Ende aus, das mir dann doch wieder gut gefallen hat. So habe ich das Buch zwar mit einem ambivalenten Gefühl beiseitegelegt, doch in dem Bewusstsein, dass es mich in anderer Hinsicht sehr bereichert hat. In welcher Hinsicht, das will ich euch noch vorstellen:

Die Charaktere

Bereits die Protagonistin ist über das ganze Buch hinweg ein Charakter, der so unglaublich vielschichtig ist, dass sich weder der Leser/die Leserin noch die Protagonistin selbst jemals sicher sein können, ihn verstanden zu haben. Im Laufe der Handlung lässt sie sich in verschiedene Handlungsmuster und Strukturen zwängen, spielt die Rollen der weisen Heilerin, der machtvollen, aber als Marionette missbrauchten Göttin, der devoten Konkubine, der als Abschaum behandelten Sklavin. Diese Muster werden immer wieder durchbrochen durch das Aufflackern der ihr innewohnenden Macht, die sie aber nur unzureichend kontrollieren kann und gerade dann meist nicht fähig ist, sie einzusetzen, wenn man als Leser/in innerlich danach schreien möchte. Dabei gelingt es Tanith Lee meinem Empfinden nach dennoch, sie zu einem sehr glaubwürdigen Charakter zu machen. Sie erwirbt schreckliche Charakterzüge: Menschen verachtet sie als niederen Abschaum, wie es ihre Vorfahren getan hatten. Sie kann sie mitleidlos töten und bewertet sie irgendwann nur noch nach ihrem Nutzen für sie. Genauso tief ist jedoch, auch wenn es manchmal von Hybris überlagert wird, ihre Verachtung für sich selbst, für ihre Hässlichkeit und für das Böse, das nach den Worten Karrakaz‘ ihrem Volk und damit auch ihr selbst innewohnt. Bei all ihren destruktiven Zügen bewahrt sie sich jedoch eine merkwürdig ursprüngliche, und darin oft ebenso destruktive Art, zu lieben. Es scheint, als könne ihre Liebe auch das Monster im Menschen noch umfangen; anderen Menschen gegenüber kann sie jedoch völlig gefühlskalt bleiben. Das mag zunächst höchst widersprüchlich klingen, lässt sich allerdings fast immer aus den ungeheuerliche leidvollen, aber auch triumphalen Erfahrungen, mit denen das Leben die Protagonistin konfrontiert, plausibel machen.

Von den Nebencharakteren bleibt keiner über den ganzen Roman hinweg im Fokus, jedoch sieht die Struktur des Romans fast immer eine Art Hauptbezugsperson für die Protagonistin vor, mit der sie in Liebe oder Hass oder beidem, fast immer aber in einer gewissen Abhängigkeit von ihm, verbunden ist. Ich sage bewusst „ihm“, da es sich meist um Männer handelt. Auch diese Charaktere sind herrlich ambivalent geschildert, oft widerlich und faszinierend zu gleich. Da ist Darak, vorlaut und dominant, aber begeisterungsfähig wie ein kleines Kind. Da ist Asren, jung, schön, gebildet und sehr feinfühlig, aber kalt und unnahbar und irgendwie teilnahmslos. Da ist schließlich Vazkor, kalt und grausam, aber in seiner Getriebenheit wieder nahbarer als gedacht. Lediglich Rarm, der letzte (und wichtigste?) Mann, der ihr zur Erkenntnis ihres eigenen Ichs verhilft, bleibt für meinen Geschmack viel zu blass, als wäre gegen Ende etwas die kreative Puste ausgegangen. Ebenso unverständlich ist mir das merkwürdige angedeutete Liebesverhältnis zwischen den beiden, zu einem emotional so aufgeladenen Zeitpunkt, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie in der Protagonistin ein solches Gefühl noch Platz haben soll. Insgesamt sind die Charakterzeichnungen allerdings die große Stärke und auch der große Reiz des Romans.

 Die Sprache

Stopp, da war noch etwas, was mindestens genauso stark ist wie die Charakterzeichnungen: die wunderbar poetische, unverbrauchte, absorbierende Sprache Tanith Lees. Die will ich einfach selbst wirken lassen:

„I left them behind me very soon. The firelight melted away, and the raucous singing that had started up. Only the wind now, thilling through stone, sushing through the dust. Darkening landscape, the whiteness a darker whiteness, picked out in starlight.” (Lee, The Birthgrave, S. 79)

Die Gretchenfragen…

Was mich an dem Buch trotz des für mich unbefriedigenden Endes dann doch ungeheuer fasziniert hat, war die Art und Weise, wie mit verschiedenen Themen umgegangen wird – wie ich meine, auf eine sehr feinfühlige und reflektierende Weise.

a) Wie hältst du’s mit der Religion?

In einer mittelalterlich anmutenden Welt nimmt die Religion naturgemäß einen hohen Stellenwert ein. Die Protagonistin wird sowohl als Objekt – als verehrte Göttin – als auch als Subjekt von Religiosität gezeigt. In beiden Fällen offenbaren sich (selbst-)destruktive Tendenzen, die mit Religiosität einhergehen können: Machtausübung und -missbrauch, Tabuisierung, hier z.B. des Gesichtes der Protagonistin oder der Ausübung ihrer Mächte, Interpretation von Krankheit als Strafe für begangene Schandtaten und Selbsterniedrigung. Dabei wird jedoch auch die Faszination religiöser Akte und Haltungen beschrieben; die Aura der Heiligkeit dringt, transportiert durch die Sprache, quasi aus den Seiten heraus. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass das eine häufig verwendete Technik des Buches ist: Die Faszination einer Sache so herauszustreichen, dass der Leser/die Leserin die von ihr ausgehende Verlockung fühlen und nachvollziehen kann, und ihm oder ihr dann das Leid, das daraus entspringt, vor Augen zu führen. Bei der Religion geschieht das teilweise, jedoch wird auch die andere Seite durchaus gezeigt: z.B. wird einer der (vielen) Stämme, denen sich die Protagonistin auf ihrem Weg anschließt, mit einer sehr sanften Religiosität portraitiert, die mit einem erstaunlichen Altruismus auch den Fremden gegenüber, einer wunderbaren Sensibilität für Menschen und für die Welt an sich einhergeht. Der Stamm ist übrigens schwarz.

b) Rape Fiction?

Beim dargestellten Verhältnis der Geschlechterrollen ist die Taktik so gut aufgegangen, dass ich beim Lesen richtig wütend geworden bin. Die Protagonistin – obgleich ihr eine derartige Sozialisation offenkundig fehlt – scheint so schnell, wie sie die Sprachen der Menschen erlernt, auch den patriarchalischen Code zu verinnerlichen, der in ihrer rauen Welt herrscht. Bei ihrer ersten Begegnung mit Darak – und er führt sich anmaßend, dominant, gewalttätig auf – ist sie natürlich überwältigt von seiner „Männlichkeit“.

„…and my sex stirred in me, and woman stirred in me.“ (Lee, The Birthgrave, S. 22).

Seine Art, über sie zu verfügen, erregt auf der einen Seite Widerstand, bindet sie aber letztlich noch fester an ihn. Ebenso nimmt sie es als eine normale Episode ihres Miteinanders an, dass er sie vergewaltigt. Gerade in der Anfangsepisode scheint das Buch also genau das „vorzuleben“, was lange Zeit (und manchmal immer noch?) sich so tief in die Verhaltensweisen der Frauen eingebrannt hat: Erniedrigende, machtausübende Praktiken nicht nur zu erdulden, sondern sich in ihnen auf abstruse Weise wohlzufühlen – weil es einem einen Platz in der Welt gibt, eine Zugehörigkeit, einen Beschützer. Genau so geht es der Protagonistin, die doch mächtig genug wäre, sich über all das hinwegzusetzen. Und ich dachte mir: Das nennt man Rape Fiction. (Die Debatte darum wird im Moment gefühlt überall geführt, und Gott sei Dank geführt!) Und es ist mir egal, ob das Buch aus den 70ern stammt oder nicht, bei allem historischen Verständnis: Das muss nicht sein. Nicht so.

Und doch weiß die Protagonistin von Anfang an, auf irgendeine Weise, um diesen Mechanismus; jedoch ohne ihm entkommen zu können, denn sie tappt mehrmals in dieselbe Falle. Lest selbst:

„I had no free will left, he had stolen it, yet I had given it, too. It was so terrible to be in his power, doubly terrible because it delighted me.” (Lee, The Birthgrave, S. 95)

Und wenn ich mir die Einsamkeit und Verlorenheit der Protagonistin vor Augen führe, kann ich es tatsächlich nachfühlen. Und das wichtigste ist meiner Meinung nach, dass sie es am Ende doch zu schaffen scheint, ihre Einsamkeit um ihrer Freiheit willen auszuhalten. Auch, wenn ihr dazu erst ein Mann und eine technische Errungenschaft ihre Seele erklären müssen.

Übrigens bedeutet die Portraitierung und dann Bekämpfung dieses Mechanismus nicht, dass Darak, der Mann, von dem sie wohl am abhängigsten ist, als ein Monster oder irgendetwas in der Art dargestellt wird. Im Gegenteil: Man merkt, wie sehr seine eigenen Werthaltungen ganz einfach die Werthaltungen seiner Welt sind. Dementsprechend brutal und herrschsüchtig ist er – er muss es in seiner Position auch sein, wenn er bestehen will. Trotz allem ist er offen für die Protagonistin, auch für ihr Anderssein, das er erkunden will, und respektiert sie auf seine Weise (die nie eine feine Weise sein wird).

Und ja, das muss ich jetzt noch loswerden: In dieser Beziehung erinnern mich die beiden einfach unglaublich an ein weiteres berühmtes „Paar“ der Fantasy-Literatur: Daenerys Targaryen und Kal Drogo. Ihr erinnert euch, wie die Protagonistin beschrieben wurde? Jetzt füge ich noch hinzu, dass Darak langes, schwarzes, wallendes Haar hat. In seiner Rohheit und kraftvollen kindlichen Energie hat er für mich so exakt auf Kal Drogo gepasst, dass ich gerade dessen Namen googlen musste, weil er in meinem Kopf nur noch Darak heißt. Jetzt grüble ich die ganze Zeit, ob das Zufall ist, oder ob ich grade ein literarisches Vorbild von George R.R. Martins entdeckt habe? Sollte also unter euch Lesern ein Mensch aus der Literaturwissenschaft sein, schreibt doch mal ein Paper darüber 😉

c) Tiefenpsychologie

Ich habe ja immer wieder erwähnt, dass das Buch mit einer ausführlichen Psychoanalyse der Protagonistin endet, die sie letztlich in die innere Freiheit setzt. (Und ich störe mich daran, dass das viel zu plötzlich, durch eine technische Errungenschaft und durch einen blass gezeichneten Mann geschieht, wie bereits erwähnt.) Und Psychoanalyse meint hier Psychoanalyse: Die Theorien von Sigmund Freud sind hier ziemlich genau wiedergegeben. Projektionen von inneren Zuständen nach außen, Abspaltung und Verwerfung von Teilen der eigenen Persönlichkeit, Heilung durch Reintegration dieser Teile… all das sei der Protagonistin im Laufe ihres Lebens widerfahren, sagen der blass gezeichnete Rarm und eine technische Errungenschaft. Und das sind spannende Gedanken! Und es ist eine Gabe der Fantasy (die ich liebe), all das Unsichtbare, was uns fesselt, beeinflusst, schmerzt, sichtbar zu machen und ihm eine Form zu geben, in der wir es erkennen und vielleicht sogar bewältigen können. Das kann Fantasy, meine ich, manchmal besser als Reality.

Von daher gefällt mir die tiefenpsychologische Dimension des Buches sehr gut und ich finde wirklich, dass es hier eine besondere analytische Kraft hat – nur hätte ich mir eine andere Form der Sichtbarmachung gewünscht. Vielleicht doch ein bisschen mehr Show, nicht gar so viel Tell. Dass das Ende, mit dem Deus ex Machina namens Rarm alias Sigmund Freud, der mithilfe seiner technischen Errungenschaft alles weiß und alles versteht, mich nicht zufriedenstellt, habe ich schon erwähnt.

Und was denke ich nun?

Trotz einer – meiner Meinung nach – Riesenschwäche am Ende habe ich es keine Sekunde bereut, das Buch gelesen zu haben. Obwohl sie schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, ist die Geschichte erfrischend anders und folgt in keinster Weise den Standard-Plots, über die man sich in der aktuellen Fantasy-Literatur oft beschwert (ob zu Recht, weiß ich nicht, werd’s aber versuchen, herauszufinden). Sie lässt einen staunend und reich an Eindrücken und lauter kleinen und großen Beobachtungen über Mensch und Welt zurück und geht neue, unbetretene Wege – dass das nicht immer geglückt ist, kann ich bei den vielen Dingen, die das aufwiegen, mehr als nachsehen! Tanith Lee habe ich bestimmt nicht zum letzten Mal gelesen.

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