Jana Jeworreck: Dreiland. Buch 1

„Dreiland“ – ein passendes Werk für die dritte Eulenglas-Rezension, wie? Der Titel hat mich, als ich mich auf die Wanderbuch-Aktion des Nornennetz beworben habe, quasi magisch angezogen. Und Zahlenmagie beherrscht auch den gesamten Roman von Jana Jeworreck…

 

Aber zunächst einmal vielen Dank Dir, liebe Jana, dass Du mir das Buch im Rahmen der Nornennetz-Wanderbuchaktion hast schicken lassen (war ja schon die zweite Leserin)! Ich habe es sehr gerne gelesen und freue mich, es jetzt wieder „freilassen“ und dem nächsten Leser schicken zu dürfen. (Wer nichts von der Wanderbuchaktion mitbekommen habt: Informiert euch bei www.nornennetz.de!)

 

Trigger-Warnungen: Im Roman kommt eine Vergewaltigung vor; es wird demütigendes Verhalten gegenüber Frauen und Männern thematisiert und nicht selten werden körperliche Gewalt und grausame Verletzungen geschildert.

 

Handlung und Weltenbau

„Dreiland“ ist der Titel des Romans – doch nicht der Ort, wo er spielt. Dreiland ist die magische Chiffre, die die Geschichte durchweht, das mythische Kaiserreich, dessen Zeichen die junge Signe, eine der Hauptfiguren des Romans, an einer ihr von der verschwundenen Mutter hinterlassenen Kette mit sich trägt. Seltsamerweise scheint die phantastische Welt von Jana Jeworreck jedoch von der Zahl Zwei beherrscht zu werden – zwei große Länder, zwei Götter, Vel und Umbra, die Götter von Wasser und Feuer, die gemeinsam die Dualis bilden, bilden das Grundprinzip dieser Welt, die Dualität. Scheinbar jedenfalls.

Diese zwiefache Welt ist bedroht: Von einer Bestie, die ihr Unwesen treibt und junge Männer verschleppt oder tötet, und von einem Fluch, der auf dem Königshaus von Velcor liegt und so die mühsam gewonnene Einheit des Landes, das dem Wassergott Vel geweiht ist, gefährdet.

Markgraf Arvid von Lebera, der engste Vertraute des Königs, ist aufgebrochen, um nach einer Möglichkeit zu suchen, den Fluch zu brechen. Er sucht nach den letzten Morphen, magiekundigen Menschen, die vielleicht die Macht dazu haben. Verletzt nach einem Unfall im Gebirge sucht er – hier setzt die Geschichte ein – Zuflucht in einem Bauernhaus und lernt dort die junge Magd Signe kennen (und schließlich lieben). Zwar wird seine Hoffnung, Signe sei eine Morphia, zunächst scheinbar enttäuscht und ihre Wege trennen sich, doch er befreit sie aus ihrem demütigenden Leben bei den Bauersleuten und leitet schließlich eine ganz entscheidende Begegnung in Signes Leben ein: mit Vendera, einer Frau mit einer mindestens ebenso geheimnisvollen Vergangenheit wie Signe. Durch Vendera wird Signe in die sagenhafte dritte Dimension der phantastischen Welt eingeführt: Die vergessene dritte Göttin Meta, deren Anhänger die Magie beherrschen, sich jedoch im Untergrund verborgen halten müssen. Die Magie erwacht schließlich auch in Signe, und zwar machtvoller, als es je jemand geahnt hätte…

Die „Koordinaten“ dieser Welt werden dabei sehr geschickt eingeführt. Keine Informationsflut, sondern ein langsames Entdecken, größtenteils durch die Augen Signes, die zu Beginn des Buches wegen ihres abgeschiedenen Aufwachsens ebenso weltunerfahren ist wie wir. Dieses Entdecken nimmt einen sehr breiten Teil am Anfang des Romans ein, indem auch die Beziehung zwischen Signe und Arvid sich entfaltet. Dabei wird es allerdings auch einige Male etwas langatmig. Was mir oft aufgefallen ist: Auch sehr beiläufige Dinge werden oft detailliert beschrieben (ohne dass sie sich als besonders bedeutsam herausstellen würden), es gibt kaum Auslassungen, kaum Zeitsprünge, auch wenn die Plot-Lücken durch die Leserlogik locker zu schließen wären. Vielleicht wäre es damit noch eine Spur kurzweiliger geworden.

Nach dem Auseinandergehen von Arvid und Signe kommt jedoch mehr Bewegung in den Plot und mehrere Nebencharaktere, zwischen deren Erzählperspektiven hin- und hergesprungen wird, treten auf. Das ist immer eine sehr schwierige Sache beim Erzählen, da man mit recht wenig Entwicklungsraum trotz allem plastische Charaktere erschaffen muss. Das gelingt der Autorin allerdings sehr gut, da den Charakteren sehr markante Eigenschaften verliehen werden und ihre Beschreibung durch überwiegend auktoriale Erzählhaltung gestützt wird. Gleichzeitig nimmt die Handlung Fahrt auf und der Roman wird hier mit seinen vielen Wendungen zum echten Pageturner.

Zu den Wendungen: Viele davon kommen sehr überraschend und schön unvorhersehbar – vor allem die letzte Szene des Buches, die mich wirklich begeistert hat (vor allem, da sie die normalerweise herrschenden patriarchalischen Verhältnisse der Dreiland-Welt so herrlich genau umdreht – aber ich will nichts verraten!). Anderes wiederum (vor allem die „Beziehungsentwicklungen“) war sehr vorhersehbar, z.B. die Liebesbeziehung zwischen Signe und Arvid. Und da die vielen eingebauten Prophezeiungen der Geschichte oft für meinen Geschmack etwas zu „direkt“ aufgenommen werden, werden, wie ich finde, manche Geheimnisse oft etwas zu schnell aufgelöst. Zum Beispiel ist mir zumindest recht schnell klargeworden, welche Rolle Signe in der Gemengelage dieser Welt spielt (da sie z.B. davon träumt, Schmetterlingsflügel zu erhalten, was natürlich an die dementsprechende Prophezeiung vom Schmetterling erinnern muss).

Insgesamt ist der Spannungsaufbau aus meiner Sicht trotzdem wirklich gut geglückt – speziell der Cliffhanger am Ende des Buches, der auf jeden Fall Lust auf den zweiten Band macht. Auch der Weltenbau überzeugt aus meiner Sicht sehr: eine frische, neue Idee. Trotzdem habe ich etwas gebraucht, um mich in Velcor wirklich heimisch zu fühlen – aus einem Grund, der noch kommt 😉

 

Die Charaktere

Derer gibt es sehr viele, und sie wechseln teilweise recht schnell. Während zu Beginn Arvid und Signe die beherrschenden Charaktere sind, wechselt im Folgenden die Erzählperspektive relativ schnell hin und her; Charaktere, die zunächst aus den Augen anderer gesehen werden, rücken plötzlich ins Zentrum der Erzählperspektive. Das führt dazu, dass der Leser/die Leserin Charaktere auf vielfältige Weise kennenlernt und ein buntes und schillerndes Bild von ihnen erhält. Die Charakterentwicklungen, gerade bei den Königssöhnen, sind schlüssig und gut nachvollziehbar; ihre Beziehungen untereinander werden subtil dargestellt. Bei den meisten Charakteren hat mir jedoch ein wenig die letzte Tiefe gefehlt, beziehungsweise kamen manche Muster einfach etwas häufig vor. Z.B. scheint es in diesem Roman kaum einen männlichen Charakter zu geben, der in einer Frau, die er liebt, nicht in erster Linie ihre körperliche Schönheit sieht. Eine positive Ausnahme ist da Arvid, der diesem Muster zwar ebenso folgt, es aber kritisch reflektieren kann.

Überaus gut gelungen finde ich den Charakter Venderas, Signes geheimnisvoller Beschützerin. Vendera erhält Plastizität durch die Diskrepanz ihrer äußeren Selbstdarstellung als kühle, kontrollierte und selbstbewusste Frau und der Charaktereigenschaften, die sie zunächst verbirgt, den „wilden Teil ihrer Seele“ sowie ihre emotionale Seite, die sie nur nach und nach Signe gegenüber offenbart.

Ebenso war ich von Arvid überzeugt, dessen stark prinzipiengeleitetes Handeln mit seiner absoluten Loyalität und den seltenen Momenten seiner (auch moralischen) Schwäche gut kontrastiert und ihn sehr plastisch macht.

Schwerer getan habe ich mich mit Signe. Signe ist, gemessen an den Umständen ihres Aufwachsens, geradezu faszinierend lieb und nett und immer bereit, das Beste im Menschen zu sehen. Dabei kann man ihr eine ordentlichen Portion Naivität wohl auch nicht absprechen. Und an sich ist das ja eine konsistente Charakterstruktur, doch haben mir manchmal ein paar Dimensionen mehr gefehlt. Innere Konflikte, Hinterfragen der eigenen Person, Hinterfragen ihres (eigenen) Verhältnisses zu Arvid… all das hätte, meine ich, Signe eben nicht nur zu einem naiven Mädchen machen können, sondern zu einem wirklich interessanten Hauptprotagonisten. Aber es sind ja noch weitere Teile geplant und daher gibt es noch viel Raum für Entwicklung…

 

Sprache

Dass ich mit Signe meine Probleme hatte, könnte vielleicht auch etwas damit zu tun haben, dass ich in die Sprache nicht wirklich hineingekommen bin. Was ich schade finde, denn ich habe durchaus vieles gelesen, das mich in sprachlicher Hinsicht sehr beeindruckt hat. Ich gebe mal ein Beispiel:

„Danach hatte er sich in dem mit Fellen ausgelegten Lehnstuhl seines Vaters niedergelassen. Das Möbelstück passte zu Arvids Situation, zu seinem Leben: traditionell, gepolstert, aber trotzdem unbequem. Kein Ort, um sich wirklich auszuruhen.“ (Die genaue Seite kann ich gerade nicht angeben, weil ich das Buch schon zurückgeschickt habe…)

Das finde ich wunderschön: Es ist eine angespannte Situation, die in das eindrückliche, sofort nachvollziehbare Bild des unbequemen Stuhls gegossen wird, der – es gibt eben verschiedene Stühle – zudem so beschrieben werden kann, dass ein echter Mehrwert entsteht: es ist ein altmodischer, gepolsterter, gediegener Stuhl, in dem sich trotzdem niemand wohlfühlt.

In diesen atmosphärisch dichten Einzelbildern sehe ich die große Stärke der Sprache dieses Romans. Was mich jedoch an der Sprache immer auf Distanz gehalten hat, war, glaube ich, der ganz „normale“ Erzählduktus, der die Handlung vorantreiben sollte. Ich versuche auch das, an einem Beispiel zu erklären:

 „Nun hatte er ihr gründlich das Herz gebrochen.“ (wieder weiß ich die Seite nicht, aber es ist die selbe wie beim oberen Beispiel.)

Der Kontext ist sehr ernst: Arvid muss sich von seiner Schwester verabschieden, die gerade einen abweisenden Brief ihres Geliebten erhalten hat. Auch Arvid hat die Auflösung dieser Verbindung vorangetrieben, und es schmerzt ihn, seine Schwester zu ihrem eigenen Besten verletzen zu müssen. Und durch dieses kleine Wörtchen „gründlich“, das es nicht gebraucht hätte, kommt mittendrin statt der gedrückten Stimmung Arvids eher die zynisch-distanzierte Stimmung eines Friseurgesprächs auf: Na, der hat ihr aber gründlich das Herz gebrochen! Ich habe oft beobachtet, dass es an überflüssigen Füllwörtern lag, dass die Stimmung nicht so rübergekommen ist, wie sie es offenkundig sollte.

Etwas Ähnliches ist mir bei den Dialogen aufgefallen: Überdurchschnittlich viele (gesprochene) Sätze enden mit einem Ausrufezeichen. Das klingt jetzt unglaublich pingelig, doch habe ich an mir beobachtet, dass auf mich (zu viele) Ausrufezeichen auch bei Sätzen, die ich mir eigentlich als ruhig und mit einer gewissen Getragenheit gesprochen vorgestellt hätte, die Wirkung ausüben, dass die Sprecher eher wie aufgeregte Kinder wirken. (Ich kann es nicht besser ausdrücken, aber in meinem Kopf geht dann die Stimme am Satzende immer nach oben.)

Wieder ein Beispiel:

Nach der furchtbarsten Szene des ganzen Buches, einer brutalen Vergewaltigung, suchen Signe und Vendera – gefesselt beieinander liegend, verletzt, geschunden – Trost beieinander.

Signe sagt zu Vendera:

„Ich hab dich lieb!“

Eigentlich ist es, bedenkt man die Situation, ein unglaublich starker Satz. Ich kann ihn mir in dieser Situation nicht anders als müde, vielleicht resigniert, vielleicht mit dem Willen, Vendera zu zeigen, was sie Signe wirklich bedeutet, ausgesprochen vorstellen. Aber jedenfalls nicht aufgeregt und schon gar nicht laut. Und genau das impliziert das Ausrufezeichen für mich. Aber ich bin mir bei all dem sehr unsicher. Ist das nur mein Empfinden, mein persönlicher Sprachgeschmack, an dem der Sprachstil von Dreiland vorbeigegangen ist? Oder ginge/geht das auch anderen so? Ich kann’s nicht sagen.

Und eben dieser Sprachstil hat, meine ich, mich auch immer auf Distanz zu Signe gehalten. Bei Vendera, Arvid und vielen anderen passt ein aufgeregtes Sprechen als Standardsprache einfach nicht zu deren Charakter – offenkundig nicht. Von daher habe ich es bei ihnen zwar als Fremdkörper wahrgenommen, aber nicht auf ihren Charakter bezogen. Bei Signe passt dieses Sprechen allerdings sehr wohl zu ihrer ohnehin schon ausgeprägten (kindlichen) Naivität und verstärkt dies noch, sodass dieser Charakterzug an ihr für meinen Geschmack etwas zu dick aufgetragen und zu beherrschend wirkte.

 

Fazit

Habe ich Dreiland genossen? Wenn man von zu vielen Füllwörtern und Ausrufezeichen (ich bin gerade echt pingelig, oder?) absieht, muss ich sagen: Sehr. (Nach meiner Kritik traue ich mich gerade selbst nicht, ein Ausrufezeichen zu setzen 😉). Freilich, an einigen Stellen sehe ich noch Verbesserungsbedarf bzw. noch ungenutztes Potential. Aber was nicht ist, kann ja in weiteren Bänden noch werden. Doch die Welt ist aufregend, frisch, komplex und hält so viele Überraschungen bereit, die selbst ihren Bewohnern verborgen geblieben sind. Die meisten Charaktere sind mir sehr ans Herz gewachsen. Will ich wissen, wie es weitergeht? Ja!

 

 

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[…] Lea mit dem Eulenglas hat eine sehr ausführliche Rezension zu Dreiland I geschrieben. Ihre Eindrücke schildert sie auf ihrem Blog. […]