Jenny-Mai Nuyen: Das Drachentor

… ist ein verschlungenes, poetisches High-Fantasy-Epos mit ein paar Startschwierigkeiten, aber einer guten Weiterentwicklung und starken Charakteren. Es ist ein Jugendbuch auch für Erwachsene, das zum Träumen, aber auch zur Auseinandersetzung mit der Welt einlädt; vielleicht für Leute, die auch gerne den Erdsee-Zyklus gelesen haben. Dass es nur noch antiquarisch zu erwerben ist, ist dabei sehr schade.

 

Wisst ihr noch, wie damals, ganz am Anfang des neuen Jahrtausends, Teenager plötzlich Schriftsteller geworden sind? Für mich, gerade selbst im Teenager-Alter, war das etwas ganz Besonderes. Ich konnte in den Buchladen gehen und fand dort, in meiner Lieblingsecke (wo die Fantasy stand, natürlich) Bücher von Leuten, die waren so alt wie ich oder zumindest kaum älter. Das Phänomen schien ein internationales zu sein: Christopher Paolini in den USA, Flavia Bujor in Frankreich und Jenny-Mai Nuyen in Deutschland begeisterten ihre Altersgenossen für’s Lesen und einige wohl auch für’s Schreiben, indem sie zeigten, dass Jugendliche Bücher für Jugendliche machen können. Es waren kleine Sensationen.
Ich bin sehr gespannt, ob dieser Zeitraum irgendwann, wenn mal eine Literaturgeschichte der Fantasy geschrieben wird, als eine eigene kleine Epoche behandelt werden wird. Für mich war es eine solche Epoche. Über die bin ich vor Kurzem etwas ins Nachdenken geraten: Was war daran so faszinierend? War es das Neue an der Person der Autoren, dass sie mir zum ersten Mal so ähnlich waren? Schreiben Jugendliche anders Jugendbücher? Wie denke ich heute über diese Bücher, wenn ich sie noch einmal lese?
Ein Re-Read war fällig. Ich griff zu dem Buch von Jenny-Mai Nuyen, das mir als mein Lieblingsbuch von ihr in Erinnerung geblieben ist. Es war nach Nijura. Das Erbe der Elfenkrone ihr zweites Buch. Als sie es veröffentlichte, war sie 19, ich 16, als ich es las. Wie lese ich es heute?

Trigger-Warnung: Das Buch thematisiert Schuldgefühle und Rassismus; es wird Gewalt dargestellt.

 

Die Handlung

Der – düster gestimmte und bewegte – Prolog führt den Leser ein in die Situation eines Krieges. Die Menschenreiche Haradon und Myrdhan stehen sich feindlich in einem Schlachtfeld gegenüber und prallen mit Infanterie und der drachenreitenden Luftgarde aufeinander. Beiläufig wird der Ausgang berichtet, bevor sich die Geschichte von „Das Drachentor“ dem zuwendet, worauf der Fokus des Geschehens liegt: auf den Menschen (und Elfen), auf die sich der Krieg auswirkt. Wir lernen drei der vier Helden der Geschichte kennen.
Alasar, ein myrdhanischer Bauernjunge, übernimmt in den Wirren von Gewalt und Plünderungen die Führung über die wenigen Überlebenden: Alte, Frauen und Kinder. Im Dunkeln der Höhlen lernen sie zu überleben und formen nach und nach das, was sie im Krieg zunächst verloren hatten: ein straff geführtes Gemeinwesen, Zusammenhalt, ein Bewusstsein von Stärke, und Stolz. Und leise deuten sich auch die Anfänge von Fanatismus an.
Ardhes‘ Schicksal dagegen scheint von Geburt an vorbestimmt zu sein: Als Tochter des Königs von Awrahell, eines der letzten Königreiche der Elfen, und einer menschlichen Mutter soll sie ein lebendes Symbol des Friedens von Elfen und Menschen sein – doch die Pläne ihrer Mutter sind anders. Von klein an versucht sie, Ardhes eine Abscheu und Verachtung vor allem Elfischen einzupflanzen, damit diese sich einmal für einen menschlichen Ehemann entscheiden und so dazu beitragen wird, Awrahell ganz ohne Krieg zu einem Reich der Menschen zu machen. Zu Beginn des Buches jedoch – Ardhes ist gerade so alt, dass sie anfängt, kleine eigene Entscheidungen zu treffen – nähert sie sich ihrem Vater an und wird von ihm in die Welt der Elfen eingeführt: In eine Welt von Traum, Visionen, Weisheit und dem Wissen um das Schicksal. Zu Beginn des Buches sind es die Augen von Ardhes, durch die wir die Wege der anderen Hauptfiguren verfolgen: Alasar – und schließlich Revyn.
Revyn, den die Autorin in der Danksagung als das „Herz“ (S. 572) der Geschichte bezeichnet, nimmt nun den breitesten Raum ein. Alle anderen Figuren treten plötzlich seltsam zurück, als hätten sie nie eine Rolle gespielt, bis auf Ardhes, der er einmal begegnet. Revyn, ein Waisenkind aus einem Drachenfängerdorf, wird vom Schatten seiner Vergangenheit eingeholt und begeht eine Tat, die für immer ein Teil von ihm bleiben wird und ihn als sein schlimmstes Geheimnis verfolgen wird. Aus Perspektivlosigkeit schließt er sich den Drachenkriegern von Logond an, die für den Krieg gegen Myrdhan ausgebildet werden – denn Drachen sind die wichtigste Ressource im Krieg der Menschen gegeneinander. Schon bald wird klar, dass Revyn ein einzigartiges Talent hat: Er kann mit Drachen sprechen, was ihn als Zähmer unschätzbar wertvoll macht. Doch auch er kann nicht aufhalten, dass die Drachen unaufhaltsam aus der Welt zu verschwinden beginnen, gerufen von einem seltsamen Etwas…
Dieser erste Teil (der knapp die Hälfte des Buches ausmacht), in dem der Leser die Figuren und das Setting kennenlernt, verlangt durchaus ein wenig Durchhaltevermögen. Es wird am Anfang noch nicht klar, was eigentlich der Hauptkonflikt der Geschichte ist – auch wenn einiges an Konfliktpotential geboten wird: Die Bedrohung der Elfen durch die sich gewaltsam ausdehnenden Menschreiche, der Rassismus, mit denen den Elfen begegnet wird, das Schicksal der Drachen in den Menschenkriegen, von den Elfen Dar’hana genannt, ein namenloses Etwas, das die Dar’hana aus der Welt fortruft ins Nichts, die Gegensätzlichkeit von unterschiedlichen Welten und Lebensweisen, die in dieser High-Fantasy-Welt aufeinanderprallen, schließlich, welche Rolle das Schicksal und die Prophezeiungen in der Welt spielt.
Auch im weiteren Verlauf des Buches lassen sich diese Konflikte nicht auf einen Hauptkonflikt zurechttrimmen; dazu ist die Geschichte zu komplex. Doch sie pendelt sich auf eine spezifische Perspektive ein: Diejenige von Revyn und Yelanah, dem Elfenmädchen und der Kleinen Göttin, die dazu bestimmt ist, die Drachen vor den Menschen und vor dem Nichts, das sie ruft, zu retten. Als sich diese beiden begegnen, nimmt die Geschichte Fahrt auf und bewegt sich auf ein Ziel zu – gleichzeitig jedoch prallen ihre Ziele mit den Zielen der anderen Figuren, die nun wieder stärker ins Zentrum der Geschichte drängen, zusammen und spinnen sich zu einer verschlungenen, spannungsgeladenen Geschichte mit einem sehr nachdenklich stimmenden und berührenden Ende.

 

Die Charaktere

Die Geschichte vereint viele, alle gleichermaßen bedeutende Charaktere in einem sehr dichten Plot. Die Charaktere werden auch über einen sehr langen Zeitraum begleitet, was natürlich einiges an Charakterentwicklung mit sich zieht. Diese geschieht, so wie ich es sehe, durchaus stimmig, auch wenn manche Entwicklungen – dem Umfang des Buches geschuldet – sehr zusammengedrängt werden und beinahe schon erzählt werden. (Das verstößt ja bekanntlich gegen eines der wichtigsten Autoren-Gesetze. Und am Anfang hat es mich auch ein klein wenig gestört, auf der anderen Seite ist es – meinem Empfinden nach – ja eine der Stärken der epischen Fantasy, persönliche Schicksale und Figurenzentriertheit aufgeben zu können, um dafür große Erzähllinien schaffen zu können und Abstraktion zuzulassen.)
Die Figuren sind – alle auf ihre Weise – sehr glaubhaft. Sie verfolgen Ziele, aber zögern auch, haben Zweifel, Bedenken, suchen sich selbst und verrennen sich in Dinge, aus denen sie dann nicht mehr ausbrechen können. Der Leser sieht das aus einer leicht, aber nur leicht distanzierten Warte und kann gleichzeitig verstehen, wie sich die Figuren hineinmanövriert haben, und erkennen, wo die Fehler gelegen haben. Diesen analytischen Blick finde ich sehr sympathisch.
Zu den Figuren selbst: An Individualität mangelt es ihnen ebenfalls nicht. Yelanah ist herrlich schnippisch, aber mit einem großen Herzen und der Fähigkeit, sich einer Sache ganz zu verschreiben. Revyn ist flatterhafter und unsicherer mit sich selbst und der Welt und als solcher ein sehr ambivalenter Charakter, aber vielleicht der ehrlichste und „beste“ der Geschichte. (Ich bin nur leider mit seinem Namen nie ganz warm geworden, und das gehört für mich ebenfalls unbedingt dazu). Ardhes und Alasar sind als Charaktere sicherlich „extremer“ und dem Leser etwas ferner – doch durch ihre Geschichte hindurch ebenfalls glaubhaft und sehr echt.
Ach, übrigens: keine dieser Figuren würde ich als Antagonisten in der Geschichte begreifen wollen. Einen Antagonisten gibt es schlichtweg nicht, höchstens das Schicksal oder die Mechanismen der Welt, die den Mechanismen unserer Welt oft erstaunlich ähnlich sind. Der Leser wird hier vieles wiedererkennen. Dabei wird kein Schuldiger gesucht, es wird erzählt – mit Trauer erzählt. Vielleicht ist der Hauptprotagonist tatsächlich die Geschichte (history und story) selbst – auch das finde ich eine der großen Stärken des Buches.

 

Sprache

Ich hoffe, es lag nicht an meinem kritischen Blick, dass ich gerade am Einfang einige Dinge bemerkt habe, die ich sprachlich holprig fand: sei es manchmal ein nicht ganz zur Situation passendes Adjektiv („mucksmäuschenstill“ bei einer flammenden Rede des Kommandanten) oder ein die Gefühle deutender Satz zuviel, der die fein aufgebaute Stimmung kaputt macht. Dafür finde ich sowohl bei der Beschreibung der Schlachten (hier kann man wirklich viel lernen!) als auch der Nebelwelt die Sprache unheimlich stark und stimmungsvoll. Nicht zuletzt die Poesie – ich liebe es, wenn Poesie im Spiel ist. Ich finde sie im Buch bei weitem nicht immer gelungen (die Reime sind manchmal holprig), doch manchmal entfaltet sie ihren ganz eigenen Zauber.
Eine Kostprobe:

Wegen
goldnen Sonnenuntergängen,
die an Abendhimmeln hängen,
Wegen
Honig und Mondtränken,
die uns die Hellsicht schenken,
Wegen
Bäumen, die hoch streben
uns Schutz und Schatten geben,
woll’n wir
weiterleben.

(S. 468)

 

Fazit

Ich möchte im Fazit diesmal keine Einzelthemen aufdröseln – das geht bei diesem Buch auch schlecht – sondern meinen Gesamteindruck beim Lesen beschreiben. Die Geschichte kannte ich ja irgendwie schon, aber die Komplexität und Tiefe war mir nicht (mehr) bewusst. Am etwas langatmigen Beginn muss ich gestehen, dass ich noch nicht so wirklich in die Welt und die Geschichte, die ihren Zauber erst knapp ab der Hälfte offenbart, eintauchen konnte; vielleicht auch, weil ich dieses Mal kritisch gelesen habe. Ein paar Ungeschicklichkeiten in der Charakterzeichnung und im Schreibstil sind aufgefallen und haben mich gestört.
Damit war es aber ab der Begegnung von Revyn und Yelanah, also ab dem Zeitpunkt, ab dem Revyn die Augen für die wahre Magie und für die verschiedenen Dimensionen seiner Welt geöffnet wurden, auch bei mir vorbei. Die Geschichte hat mich in sich aufgenommen, hat mich zugleich verzaubert und an meine Wirklichkeit erinnert, an strukturelle Probleme der Welt und des menschlichen Zusammenlebens, die in meiner wie auch in der Wirklichkeit von Das Drachentor ungelöst bleiben. Dass die Autorin ebenfalls keine Lösungen anbietet, sondern erzählt, Raum zur Trauer darum, Raum zur Reflexion anhand der von ihr geschaffenen Figuren bietet, hat mich sehr beeindruckt, ebenfalls, dass sie der Entwicklung der Charaktere doch viel Raum gelassen hat, ohne dabei am Plot zu „sparen“.
Achtung, Spoiler zur weiteren Entwicklung der Autorin: Obwohl sie schon in jungen Jahren ziemlich toll war, wie sich bei meinem Re-Read für mich bestätigt hat, ist sie dabei bei weitem nicht stehen geblieben, sondern hat ein paar sprachliche Unsicherheiten überwunden und ist jetzt, wie ich finde, eine der besten Jugendbuch- und Fantasy-Autorinnen, die ich kenne. Und hat sich übrigens auch schon in anderen Genres versucht; informiert euch doch mal 😉
Und falls ganz zufällig Mitarbeiter von Random House das lesen: Macht doch mal aus diesem Buch zumindest ein E-Book und macht es wieder zugänglich. Oder legt es neu auf, wie im September Nijura, das erste Buch von Jenny-Mai Nuyen.

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