Magret Kindermann: Killing Zombies and Kissing You

Alltägliche Apokalypse

begegnet uns in Magret Kindermanns Roman „Killing Zombies and Kissing You“. Der Titel verrät schon, dass zwei Seelen in der Brust dieses Buches leben: Ein actionreiches apokalyptisches Szenario und eine zarte Liebesgeschichte. Kennt ihr aus jedem einzelnen dystopischen Film und verdreht schon die Augen? Hier kommt die Variante mal komplett ohne Kitsch aus. Eine relativ ruhige, fast schon alltägliche Apokalypse. Fast wie in der Corona-Krise.

Vorweg: Für „Killing Zombies and Kissing You“ wurde ich für eine lovelybooks.de-Leserunde ausgelost und habe das E-Book daher kostenlos erhalten. Meine Meinung hat das aber nicht beeinflusst.

Die Handlung

Die Zombies sind los – und Bea verschläft sie fast. Sie muss wohl ohnmächtig geworden sein, wacht in einer mit Konservendosen vollgestopften Wohnung von Bekannten auf. Langsam dämmern ihr die Ereignisse der Vergangenheit: Die Zombies. Die Bisse. Der „Tod“ – oder die Umwandlung – ihrer Eltern.

Eine Woche lang lässt sie sich erstmal gehen. So richtig. Sie überfrisst sich an den Vorräten, schaut DVDs, masturbiert dazu. Lebt so, als gäbe es kein Morgen. Dass es ein Morgen geben kann, dämmert ihr erst so langsam, aber sie beschließt, dass es ein Morgen für sie geben soll.

Das Morgen, die Zukunft – die erkämpft sich Bea im Folgenden immer wieder. Sowohl die materielle Zukunft, also wie sie sich in einer Welt, in der es fast keine Menschen, dafür aber viele Zombies gibt, versorgen soll, als auch die menschliche Zukunft. Das, was ein Mensch, der eben nicht vom Brot allein lebt, dringend braucht: Andere Menschen, denen man vertrauen, bei denen man sich fallen lassen kann. Ausgerechnet in der Apokalypse verliebt sich Bea. Doch kann sie Simon trauen?

Die Handlung läuft insgesamt – gemessen an dem, was de facto alles passiert – relativ ruhig. Für die ganzen kleinen Dinge des Alltags (wie man sich einigermaßen sauber hält, wie man sich ernährt, wie man den Zombies aus dem Weg geht…), aber auch für popkulturelle Erinnerungen (der Pikachu-Rucksack!!!) aus der gefühlt grauen Vorzeit einer Wohlstandsgesellschaft ist zwischendrin genug Platz, was den Roman auch atmosphärisch stark macht.

Natürlich fehlt es an Action, an Verfolgungsjagden, Konfrontationen etc. ebenso wenig. Diese sind gut und spannend geschildert, werden aber nie zum Selbstzweck. Was mir sehr gefallen hat: Der Kampf ums tägliche Brot (oder die Haferflocken in Fanta) oder die Krux mit der Menstruation (endlich thematisiert das mal jemand!), die in der Umgebung von Zombies fast zur tödlichen Falle wird, werden mit ebensoviel Geschick erzählt wie die Zombiekämpfe, die manchmal fast beiläufig passieren.

Gegen Mitte des Buches wird die Handlung aber – mit den vielen Ortswechseln und meiner Meinung nach nicht immer ganz klarer Motivation für die Handlungen – etwas konfus, was auch mit ein paar meiner Meinung nach nicht ganz klaren Charaktermotivationen zusammenhängt. Das gibt sich am Ende des Buches allerdings wieder recht gut.

Die Charaktere

Bea ist natürlich die Hauptfigur, aus deren Ich-Perspektive die Geschichte erzählt ist. Sie ist ein ganz normales Mädchen im besten Sinne. Keine Heldin von Geburt, nicht durch eine angeborene Besonderheit prädestiniert – und am Anfang des Buches nun wirklich nicht heldenhaft. Sicher, sie wächst im Laufe der Zeit über sich hinaus, aber auch nicht unnatürlich. Und sie hat weiterhin Zeiten, da ist sie einfach eine normale Jugendliche, die gutes Essen, Liebe und Spaß möchte. Definitiv sympathisch!

Ein bisschen mehr Probleme hat mir Simon gemacht – bzw. die Entwicklung der Liebe der beiden. Das Spiel, das er und seine ganze Gruppe zuerst mit Bea spielen, dann die Annäherung der beiden, und plötzlich scheint er nur noch einhundert Prozent süß und rücksichtsvoll zu sein. Das ging mir persönlich etwas zu flott.

Und dann ist da noch der Bösewicht, der nicht fehlen darf (nein, es ist kein Zombie, sondern ein Mensch!). Beas Verhältnis zu ihm ist sehr schwierig: Sie findet ihn unsympathisch, hasst ihn dann sogar – ist aber auf ihn angewiesen, weil sie auf die Gruppe angewiesen ist, die er anführt. Das finde ich sogar eine sehr viel realistischere Konstellation als das typische „Der ferne Feind“. Nur auch hier ist mir letztlich seine Motivation nicht immer klar geworden – sie wird zwar am Ende des Buches erläutert, gerade seine schlimmste Tat wird aber meines Erachtens leider nur unzureichend erklärt.

Die Sprache

Die Sprache ist klar, nicht überladen und führt einen fließend durch die Geschichte. Sie kommt (fast) ohne Pathos aus, und wo Pathos vorkommt, wird er mit einem verschmitzten Lächeln wieder geerdet. Wie immer, eine kleine Kostprobe:

„Ich stutze. Ich sehe ihn sofort, obwohl nur eine kleine Ecke herausguckt: Im Briefkasten der Waldmanns steckt ein Brief. Ich bin mir sicher, dass er vorher nicht da war. Panisch richte ich mein Küchenmesser auf den Briefkasten.“ (Kindermann, Killing Zombies and Kissing You, S. 8)

Und was denke ich nun?

Vielleicht bin ich nicht die objektivste Richterin in der Hinsicht, weil ich sonst nie Zombie-Geschichten lese – aber wenn das die einzige meines Lebens bleiben sollte, dann werde ich sehr warme Erinnerungen an dieses Genre haben! Die Geschichte ist zart, atmosphärisch dicht und leuchtet nicht voyeuristisch auf Dramen und Traumata drauf, sondern erzählt, wie inmitten des Weltuntergangs es weitergehen kann – Bea ist eben nicht nur die von Zombies Gejagte, sondern sie erkundet in ihrem eigenen Tempo und nicht ohne Rückschläge, wie sie sich ein Leben erobern kann, das diesen Namen wirklich verdient. Mein größter Kritikpunkt sind die manchmal etwas abrupt verlaufenden Charakterentwicklungen der Nebencharaktere. Aber vielleicht ist auch das in einer Zombie-Apokalypse irgendwie normal. Von daher: Lese-Empfehlung!

Hinterlasse einen Kommentar

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei