Nnedi Okorafor: Binti

Eine starke junge Himba in einer starken Space Opera

… ist Nnedi Okorafors „Binti“. Eine an die Nieren gehende Protagonistin in einer farbenfrohen, intergalaktischen Welt, mit einer herben Geschichte, die aber die Kehle hinunterflutscht wie süßer Kirschsaft. Und mit einer kulturellen Perspektive, von der wir viel, viel mehr lesen sollten.

Vorbemerkung zum Genre

„Binti“ ist das erste „africanfuturistische“ Werk, das ich jemals gelesen habe – aber ich werde es wieder tun. Ich habe mich mit der Übersetzung des Begriffs etwas schwergetan (daher die Anführungsstriche); soweit ich weiß, gibt es noch keinen guten eingedeutschten Begriff dafür. Africanfuturism, wie die Autorin selbst ihr Genre definiert (ihre Gründe erläutert sie hier: http://nnedi.blogspot.com/2019/10/africanfuturism-defined.html) ist nämlich nicht dasselbe wie Afrofuturismus: Wo dieser stark von einer afroamerikanischen Perspektive geprägt ist, zentriert der Africanfuturism explizit den afrikanischen Kontinent und seine vielen verschiedenen Kulturen – mit dem Ziel, die westliche (amerikanische oder europäische) Perspektive als kulturellen „Default-Modus“ abzulösen. Bei den drei Binti-Novellen wird das schnell spürbar: Die einzigen menschlichen Völker, denen wir begegnen, sind drei auf dem afrikanischen Kontinent beheimatete: Die Himba, zu denen die Protagonistin Binti gehört (und die es wirklich gibt), die Khoush (die, wenn ich das richtig recherchiert habe, wohl auf einem antiken Königreich auf dem Gebiet des heutigen Sudan basieren) und die Enyi Zinariya (ein menschliches Fantasie-Volk, das … phantastisch ist). Dadurch wird auch die (oft übersehene oder zurechtgetrimmte) kulturelle Vielfalt zwischen den afrikanischen Völkern sichtbar bzw. erahnbar gemacht.

Und richtig, es gibt in „Binti“ zwar quallen- und heuschreckenartige außergalaktische Lebensformen zuhauf, aber keine weißen Menschen. So als würde Okorafor genau so ein Buch für Schwarze Menschen schreiben, wie Weiße jahrhundertelang ihre Bücher für Weiße geschrieben haben. Dieses Leseerlebnis hat mir als Weißer auch ein bisschen die Augen geöffnet. Es ist ein Buch, in dem ich tatsächlich nicht vorkomme. Für mich ist das eine Ausnahme, eine spannende, horizonterweiternde Abwechslung – für, sagen, wir, ein Schwarzes Mädchen war es bislang beinahe durchgehender Dauerzustand. Bis Autor*innen wie Nnedi Okorafor von Himba-Mädchen schrieben, die Mathematik-Genies sind und ins Weltall reisen. Ich bin froh, dass es solche Bücher nicht nur in die deutsche Übersetzung schaffen, sondern sogar in die Auslagen der Buchhandlungen, wo ich das Buch tatsächlich entdeckt habe.

Die Handlung

Die Handlung erstreckt sich über drei Novellen, die in meiner Ausgabe zu einem Buch zusammengefasst sind: „Allein“, „Heimat“ und „Nachtmaskerade“. Dabei erschienen mir „Heimat“ und „Nachtmaskerade“ weniger als in sich geschlossene Einheiten als die erste Novelle – nach der zweiten kann man auch aufgrund eines Cliff-Hangers definitiv nicht zu lesen aufhören, versprochen.

Binti ist eine junge Himba, ein mathematisches Genie und eine Harmonistin – was das bedeutet, wird über alle drei Novellen hinweg reflektiert und immer deutlicher. Aufgrund ihrer außerordentlichen Begabung wird sie an der intergalaktischen Oomza Uni (das ist gleichzeitig ein ganzer Planet) angenommen, was für Binti eine schmerzliche Entscheidung bedeutet, da sich ihre Familie aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds weigert, sie gehen zu lassen – die Himba sind ein friedliches, abgeschiedenes, nach innen gekehrtes Volk, das die Gemeinschaft höher schätzt als das individuelle Glück. Die Entscheidung, trotzdem zu gehen, ihre Familie zu verlassen und ihr Studium anzutreten, fällt Binti schwer und stürzt sie gleichzeitig in eine Identitätskrise, die sich durch die ganze Handlung zieht.

Diese Identitätskrise war für mich beinahe spannender als die actiongeladene Vordergrundhandlung, in der – ganz im Sinne einer klassischen Space Opera – Raumschiffe gekapert werden, mit fremdartigen Spezies von anderen Planeten über Krieg und Frieden verhandelt wird und schließlich Bintis Familie und ihr Volk in höchste Gefahr geraten. Die eigentliche Frage aber, die sowohl die Handlung als auch die Protagonistin antreibt, ist: Wie kann sie noch Himba sein, wo sie doch ihre Gemeinschaft verlassen hat und vom Boden ihrer Heimat getrennt ist? Wie kann sie mit den Prägungen umgehen, die sie durch ihre (mehr oder weniger friedlichen) Kontakte zu anderen menschlichen und nicht-menschlichen Völkern erhält? Dabei fand ich das Schöne, dass darauf keine pauschale Antwort gefunden wird. Eine grundlegende Wertschätzung einer bestimmten festen Kultur und Tradition werden mit der Notwendigkeit zur Öffnung auf Neues hin und zum Beschreiten unkonventioneller Wege zwar kontrastiert, aber nicht gegeneinander ausgespielt – sondern harmonisiert. Auch in diesem Sinne ist Binti eine Harmonistenmeisterin.

Noch ein Wort zum Ende: Da kommt eine Trope vor, den ich eigentlich schrecklich finde, aber nicht beim Namen nennen kann, ohne ziemlich zu spoilern. Ich fand sie hier aber ziemlich gut eingebaut, in einem langsam abklingenden Ende, das fast nicht zu dem rasanten Tempo passen will, das sonst die Handlung kennzeichnet. Ich meine, dass die Autorin das auch ihrer Protagonstin etwas selbstironisch in die Gedanken gelegt hat:

Das war sehr … antiklimaktisch. Nicht, dass ich mich darüber beschweren wollte.

Okorafor, Binti. Nachtmaskerade, S. 369

Und auch ich kann mich darüber nicht beschweren. Irgendwie hat es für mich doch gut gepasst.

Die Charaktere

In „Binti“ ist die Handlung natürlich in besonderer Weise mit der Hauptprotagonistin verknüpft. Im Klappentext wird Neil Gaiman mit den Worten zitiert: „Bereiten Sie sich darauf vor, sich in Binti zu verlieben.“ Und Recht hat er! Binti ist ein wunderbar geschriebener Charakter mit einer Kombination an Charaktereigenschaften, die ziemlich unkonventionell erscheinen kann. Sie hat ein starkes Innenleben und ist besonnen, aber auch temperamentvoll und heißblütig (warum findet man die Kombi eigentlich so selten beschrieben?). Sie hat – ebenso innerlich wie äußerlich – auch viel zu erleiden, und ich habe mich so in ihre Haut „hineingezogen“ gefühlt, dass ich richtiggehend mitgelitten habe.

Etwas Aufmerksamkeit verdient auch Okwu, Bintis wohl bester Freund, der dem außerirdischen Medusenvolk angehört. Ich fand es sehr spannend, dass er wirklich als dezidiert nicht-menschlich beschrieben wurde – weder kann er auf eine menschliche Weise sprechen, noch atmen, noch fühlt er auf eine annähernd menschenähnliche Weise. Deshalb wird man wohl als Leser*in nicht sonderlich warm mit ihm; zu groß ist die Fremdheitserfahrung. Ganz im Gegensatz zu Binti, die – auch hier ganz Harmonistin – ein wirklich gutes und tiefes Verhältnis zu ihm aufbaut.

Die Sprache

Die Sprache ist schlicht, ausdrucksstark und, was mir sehr gefallen hat, jenseits von sprachlichen Konventionen sehr präzise. Wie immer ein Beispiel:

Sogar mir war klar, dass Okwu kein alter Meduse war. Er war zu aufbrausend und … in ihm steckte etwas, das mich an mich selbst erinnerte. Vielleicht war es seine Neugier. An seiner Stelle wäre ich auch die Erste gewesen, die sich diese Fremde angesehen hätte. Mein Vater sagte, meine Neugier sei das letzte Hindernis, das ich überwinden müsse, um Harmonistenmeisterin zu werden. In dieser Beziehung vertraten wir komplett gegenteilige Ansichten.

Okorafor, Binti. Allein, S. 45-46

Und was denke ich nun?

Ich kann „Binti“ nur klar empfehlen. Das Buch hat gleichzeitig wichtige, existenzielle Fragen aufgeworfen und unheimlich Spaß gemacht – auch wenn es mich manchmal emotional auch ganz schön mitgenommen hat. Für mich war es eine gelungene Synthese aus vielem, was ein gutes und zugleich unterhaltsames Buch ausmacht: Action und Spannung, eine faszinierende Science Fiction-Welt (die übrigens vor allem auf Biotechnologie aufbaut), sozusagen gepaart mit einer Coming-of-Age-Geschichte. Nicht zuletzt war es sehr spannend, als kulturell westlich sozialisierter Mensch mit Mythologie und kulturellen Konzepten afrikanischer Völker konfrontiert zu werden. (Ob ich die Nachtmaskerade je wieder aus dem Kopf bekomme?)

Das ist etwas, worauf mich das Buch sehr neugierig gemacht hat – und ich bin mir sicher, dass es da noch viele weitere großartige Bücher zu entdecken gibt; nicht zuletzt auf Nnedi Okorafors langer Publikationsliste.

Wisst ihr denn da was? Kommentiert es doch gerne!

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