Nora K. Jemisin, Zerrissene Erde

Anders als alles, was ich je gelesen habe,

ist dieses Werk von Nora K. Jemisin. Die Jury des Hugo Award, des wohl bedeutendsten Preises für Science Fiction-Literatur, sieht das ebenso. Dreimal in Folge gewann Jemisin mit ihrer Broken Earth-Trilogie, deren Auftakt „Zerrissene Erde“ (The Fifth Season) ist, den Hugo in der Kategorie best novel. Als erste dreimal in Folge. Als erste Afroamerikanerin. Das Buch und seine Autorin ist also eine Sensation – und hat mich daher auch neugierig gemacht, ob das Buch wirklich hält, was der Preis verspricht. Bin ich überzeugt? Ja. Uneingeschränkt.

Trigger-Warnungen: Im Buch werden Diskriminierung bzw. Rassismus, physische und psychische Gewalt und der Tod thematisiert, auch der Tod von Kindern.

Die Handlung

„Beginnen wir mit dem Ende der Welt, ja?“ (Jemisin, Zerrissene Erde, S. 9). Mit dem Ende der Welt beginnt das Buch, wie vom auktorialen Erzähler angedeutet, in der Tat. Wir sind in einer Hauptstadt in einer fernen Zukunft, ein Gewimmel von Machthabern umgibt uns, und plötzlich – ohne erkennbaren Grund, ohne Anlass, ohne Auslöser – der Weltuntergang. Eine Fünftzeit, die mehrere tausend Jahre andauern wird. Schemenhaft erkennen wir einen Protagonisten, der sie ausgelöst hat. Aber wir erfahren nichts über ihn.

Was ist eine „Fünftzeit“, nach der auch das englische Original benannt ist? So etwas wie in unserer Welt eine Eiszeit, nur ist sie in Jemisins Kosmos, „Stille“ genannt, von einer überaus aktiven Erdkruste ausgelöst, die in einem Fort bebt und Lava speit. In einer Fünftzeit fallen die Ernten aus, brechen Krankheiten aus, versiegt die Wasserversorgung – kurz, die ohnehin dezimierte Menschheit ist vom Untergang bedroht.

Für Essun, die Erzählperspektive, der wir zuerst begegnen, ist die Fünftzeit jedoch nur bedeutungsloser Hintergrund. Ihr kleiner Sohn wurde von seinem eigenen Vater erschlagen, ihre Tochter ist fort, von ihrem Vater entführt. Denn während des „Weltuntergangs“, des größten Bebens, das es je gegeben hat, wurde deutlich, dass ihr Sohn, wie auch Essun selbst und ihre Tochter Nassun, Orogenen sind.

Was sind nun wieder Orogene oder „Roggas“, wie sie verächtlich genannt werden? Sie sind Menschen, die die Gabe haben, die Erde zu kontrollieren und sich der Kräfte der Erde zu bedienen. Zum Guten wie zum Schlechten: Sie können damit ebenso Beben unterdrücken wie auch alles und jeden töten, von dem sie sich bedroht fühlen. Und um diese Macht kontrollieren zu können, bedarf es einer oft jahrelangen Ausbildung. Diese gibt es im Fulcrum, einem Zentrum der Orogenen, in denen diese ausgebildet, aber auch hart kontrolliert werden. Nur innerhalb des Fulcrums darf ein(e) Orogene am Leben bleiben.

Eine Orogene im Fulcrum ist Syenit, die zweite der Erzählperspektiven. Sie ist jung und ehrgeizig, möchte aufsteigen und willigt dafür ein, den ranghöchten aller Orogenen, Alabaster, auf seine Auftragsreisen zu begleiten und womöglich ein Kind mit ihm zu haben – obwohl sie ihn hasst.

Schließlich folgen wir Damaya, einer jungen Orogenen, die gerade den Übergang von einer normalen Kindheit hin zur Ausgrenzung durch ihre Familie und zum Fulcrum als ihre einzige Chance, zu überleben, durchmacht.

Die drei Perspektiven wechseln kapitelweise. Sie scheinen zunächst nichts oder kaum etwas miteinander zu tun zu haben, fließen aber am Ende – nach Wendungen, die sich keiner außer Jemisin ausdenken kann – in eins.

Die sehr unterschiedlichen Stimmungen der drei Perspektiven machen hierbei einen großen Teil des Abwechslungsreichtums von „Zerrissene Erde“ aus. Sie führen uns jede auf ihre Weise ein in die staunenswerte und schreckliche Welt der Stille – ohne uns am Anfang mit Informationen zu überfrachten, gemächlich, aber manchmal auch hart konfrontierend. Immer aber: unvorhersehbar.

Die Charaktere

Die drei genannten Perspektiven erhalten ihre unverwechselbare Stimmung durch die drei „Charaktere“, von denen sie getragen sind. Damaya ist jung und verletzlich, aber auch anpassungsfähig und lernt nach und nach, wie man als Orogene im Fulcrum überlebt. Syenit ist bereits im Fulcrum etabliert, hat den Opportunismus, den Gehorsam, aber auch den Ehrgeiz dieses Ortes bereits absorbiert. Dennoch leuchtet zwischen diesen antrainierten Eigenschaften ihre Sturheit hervor. Sie und Damaya eint zudem eine Wut, die unter der Oberfläche kocht, immer wieder hervorbricht und wieder zurückgedrängt wird.

Essun fühlt sich für den Leser ganz anders an. Sie ist eine reife Frau, und wir ahnen, dass ihre Welt nicht zum ersten Mal in den Grundfesten erschüttert wurde. Trotz aller Schrecknisse bewahrt sie sich – zumindest meinem Gefühl nach – eine ruhige Kraft. Diese wirkt jedoch oft auch stumpfsinnig, was jedoch gerade in Essuns Fall verhindert, dass sie zu positiv gezeichnet wird. Geschickt werden auch immer wieder in kleinen Abschweifungen von dieser Stumpfsinnigkeit ihre Verletzungen angedeutet.

Die Sprache

Die Sprache ist dabei das Vehikel, um Charaktere und Welt vor unseren Augen erscheinen zu lassen. Jemisin zeigt hier, dass sie auf sämtlichen Klaviaturen zu spielen beherrscht, denn alle drei genannten Perspektiven sind sprachlich sehr distinkt und lassen eine jeweils eigene Stimmung aufkommen. Besonders hervorzuheben ist wiederum Essuns Perspektive, die – ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig – in der Du-Perspektive verfasst ist. Was mich zunächst, weil ungewohnt, gestört hat, hat sich nach und nach zum Leseerlebnis entwickelt, das schlicht, aber ergreifend die Stimmung der untergehenden Welt Essuns einfängt.

Ein Beispiel:

„Vielleicht denkst du, du müsstest eine andere sein. Du bist nicht sicher, wer. Vorherige Dus sind stärker und kälter gewesen oder wärmer und schwächer; beide Eigenschaftskombinationen sind besser geeignet, dich durch den Schlamassel zu bringen, in dem du jetzt steckst. Im Augenblick bist du kalt und schwach, und das hilft niemandem.

Du könntest jemand Neues werden. Das hast du schon früher getan; es ist bemerkenswert einfach. […]

Aber. Nur ein einziges Du ist Nassuns Mutter.“ (Jemisin, Zerrissene Erde, S. 189)

Diese Sprache ist anspruchsvoll, doch die Perspektiven unterscheiden sich hierin stark. Die Sprache in Damayas und Syenits Perspektive sind wesentlich näher an der Sprache, die wir von Fantasy, in der es um Abenteuer etc. geht, gewohnt sind.

Rassismus

Rassismus ist tatsächlich in zweierlei Weise ein Thema des Buches. Einmal gibt es einen Rassismus in der Stille, der auf Abstammung pocht – wer hat die meisten Gene, die meisten physiognomischen Merkmale der alten, sansischen Rasse (die übrigens dunkelhäutig ist, aber sich durch viele andere Merkmale auszeichnet)? Die zweite Art von Rassismus, die gegen die Orogenen, ist dagegen umfassender und komplexer. Interessant ist, dass fast das ganze Buch hindurch ein Bild der Orogenen gezeichnet wird (das natürlich auch die Orogenen selbst internalisiert haben), anhand dessen die Anfeindungen gegen sie zwar nicht unbedingt verständlich, aber doch… nachvollziehbar werden. Schließlich sind gerade untrainierte Orogenen eine permanente Bedrohung, durch die jederzeit in einem weiten Umkreis jegliches Leben ausgelöscht werden könnte. Erst zum Schluss des Romans wird ein Gegenbild der Orogenen gezeichnet, in dem ihre außergewöhnliche Begabung nicht Fluch, sondern Segen ist – und vor allem nicht um den Preis ihrer Freiheit und Menschenwürde nutzbar gemacht werden muss. Wie wichtig es ist, solche Bilder zu hinterfragen, zeigt der Roman ebenfalls auf.

Und was denke ich nun?

Insgesamt habe ich „Zerrissene Erde“ als einen der erfrischendsten (Fantasy-)Romane empfunden, die ich je gelesen habe. Es ist ein im doppelten Sinne schweres Buch, das einen mit neuen Perspektiven und einem neuen sprachlichen Erlebnis, aber vor allem vielen Fragen wieder in den Alltag entlässt. Jemisins Welt ist faszinierend und bunt, aber auch immer wieder voller Verzweiflung. Dabei geht Jemisin neue Wege, lehnt sich kaum an (europäische) Standardmythen an, kommt mit sehr wenigen Tropes und Standardplotlinien aus – ohne den Leser auch nur eine Sekunde zu langweilen. Hat das drei Hugos verdient? Ich meine, ja.

Mein einziger Kritikpunkt: Die deutsche Variante des Covers hätte nicht ganz so schreierisch sein müssen – das hat das Buch nämlich gar nicht nötig.

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