Octavia Butler: Kindred – Verbunden

Ein pauschaler Vorwurf an das Genre Fantasy ist der, eskapistisch zu sein. (Anschließend wird darüber diskutiert, ob das gut oder schlecht sei.) Es stimmt, Fantasy entführt den Leser in andere Welten. Was aber ist, wenn die andere Welt eine härtere und grausamere ist, als wir uns vorstellen können? Ich bin gerade aus der Welt, die Octavia Butlers Roman plastisch, ungeschönt, aber mit viel Einfühlungsvermögen vor Augen treten lässt, zurückgekehrt und habe nun das Gefühl, dass ich die Eskapistin bin.

 

Trigger-Warnungen: Rassismus, Gewalt (körperlich, psychisch und sexuell), Erniedrigung, Erpressung, Suizid.

 

Kleine Vorgeschichte – darf übersprungen werden!

Bevor ich zu diesem Roman komme, der für mich einer der besten, wenn nicht der beste Fantasy-Roman ist, den ich je gelesen habe, möchte ich kurz erzählen, wie ich zu diesem Roman gekommen bin. Wäre ich in Deutschland geblieben, hätte ich ihn vermutlich nie gefunden.

Ich war vor kurzem in Chicago, sogar in erster Linie beruflich, weshalb für ausgedehntes Sightseeing kaum Zeit blieb. Für eine Buchhandlung muss aber bei mir im Ausland immer Zeit sein, denn immer, wenn ich ein neues Land bereise, kaufe ich mir ein Buch aus diesem Land. Nach Möglichkeit, sofern ich sie einigermaßen verstehe, in der Landessprache. Der Buchladen in Chicago, den mir Google ausgespuckt hatte, war toll. Ein Treppe, die in ein großes Kellergewölbe führte, mit endlosen Bücherregalen in warmem Holzton, wie ein Labyrinth im Maisfeld, dabei erstaunlich gut sortiert.

[Das besondere Konzept, dass doch auch mal für Deutschland eine Idee wäre, war, dass dort neue Bücher neben gebrauchten stehen. Ich finde dort also immer „The Lord of the Rings“. Aber eventuell steht eine gebrauchte und viel günstigere Ausgabe dabei, und ich kann mich entscheiden, welche ich kaufen möchte.]

Ich finde leicht das Regal mit der Fantasy-Literatur, wo ich immer hinschaue, wenn ich nicht weiß, was ich finden will. Und es ist ganz anders, als es in allen deutschen Buchhandlungen, die ich kenne, aussehen würde. Klar stehen dort die typischen Actionschinken und Blockbuster, auch die Gesichter von Elfen, Zwergen und Orks schauen mich an. Aber dazwischen stehen auch immer wieder Bücher, die ich vom Cover her gar nicht als Fantasy erkannt hätte. Auch inhaltlich entfernen sich viele erstaunlich weit von den gängigen Klischees, deren ewige Wiederholung der Phantastik so angekreidet wird. Auch Octavia Butlers Kindred ist so gar nicht das typische Fantasy-Epos, das man im Kopf hat – und doch ist die Genre-Zuordnung eindeutig richtig, wie ihr sehen werdet. Nur dass es auf dem deutschen Markt, wenn überhaupt, unter Belletristik rangieren würde. Falls einem die Genre-Einordnung nicht von vornherein zu kompliziert ist.

Das scheint der Fall zu sein: Auf dem deutschen Markt bleibt der Roman, obwohl er für die amerikanische Literaturgeschichte ebenso bedeutend sein dürfte wie Harper Lees To Kill A Mockingbird, nahezu völlig unbeachtet. Er ist übersetzt, immerhin, hat aber keine einzige Amazon-Rezension.

Vielleicht will man gar nicht so genau hinschauen, was das Genre draufhat?

 

Handlung

Schockierend genug setzt der Roman damit ein, dass Dana, die Hauptprotagonistin, ihren linken Arm verliert. „On my last trip home“ (S. 9). Ihre „trips“, ihre Reisen sind es, die dem Roman seinen Aufbau geben. Erst kürzlich mit ihrem Mann Kevin – sie sind beide Schriftsteller – in ein neues Haus gezogen, hat Dana plötzlich Anfälle von Übelkeit und Schwindel, die Vorboten einer blitzartigen Reise durch Raum und Zeit sind: Von Los Angeles nach Maryland. Aus dem Jahr 1976 in das Jahr 1815. In ein Amerika, in dem das Leben von Schwarzen wie Dana keinen über die wirtschaftliche Bedeutung hinausgehenden Wert hat.  Zu Rufus, dem zu Beginn des Romans noch kleinen Sohn eines Plantagenbesitzers und Sklavenhalters, zu dem Dana eine merkwürdige, magische Verbindung zu haben scheint. Wann immer der Junge in ernster Gefahr ist, „ruft“ er Dana zu sich. Nur die eigene Lebensgefahr kann Dana wieder zurück nach Hause, ins Jahr 1976 rufen.

Insgesamt sechs Mal wird Dana zu Rufus gerufen. Sie bleibt dort unterschiedlich lange, mal wenige Stunden, mal monatelang. Einmal kann sie Kevin mitnehmen, indem sie ihn im Moment der Zeitreise berührt. Wenn sie jedoch nach Hause kommen, ist dort beinahe keine Zeit vergangen. So vergehen während ihrer Zeitreisen im Jahr 1976 gerade einmal drei Wochen, während sie insgesamt ein Jahr bei Rufus verbringt – und dieser zwischen den „Besuchen“ Danas zu einem 25 Jahre jungen Mann heranwächst.

Während ihres Aufenthaltes dort taucht Dana immer tiefer in die Gesellschaft dieser Zeit ein. Sie wird zunächst Zeugin des Horrors, dem Schwarze und vor allem Sklaven dort ausgesetzt sind: Auspeitschungen. Verkäufe von Menschen, wodurch Familien auseinandergerissen werden. Unerträgliche Willkür. Die klare Botschaft, kein ebenbürtiges Gegenüber oder auch nur ein vollwertiger Mensch zu sein.

Doch Dana bleibt nicht bei der bloßen Zeugenschaft stehen, sondern wird immer tiefer in die Geschichte von Rufus involviert. Zumal sie herausfindet, dass diese mehr mit ihrer eigenen Geschichte zu tun hat, als sie zunächst glaubt: Rufus soll einmal mit Alice, seiner Kindheitsfreundin und späteren Sklavin, der Vater von Hagar werden – Danas Großmutter. Dana erkennt ihre Chance, den Lauf der Dinge zu beeinflussen, und gleichzeitig die Last ihrer Verantwortung. Sie versucht, ihren Einfluss auf Rufus zu nutzen, um sein Denken zu verändern und für das Menschsein der Schwarzen zu öffnen; ihr ist bewusst, welche Macht er als zukünftiger Herr der Plantage über die Schicksale der Menschen hat, die ihr dort zu Freunden, fast zur Familie geworden sind.

Doch entgegen ihrer Rolle als aufklärerische Kraft aus der Zukunft wird sie allmählich und unmerklich selbst zu einem Teil dieser Gesellschaft. Sie „lernt“ – aus purer Angst – wie sie sich als Schwarze gegenüber Weißen zu verhalten hat: Kein Widerspruch, keine Aufmüpfigkeit, kein selbstständiges Handeln, „Yes, Sir.“ Sie beginnt, den ihr von der dortigen Gesellschaft zugewiesenen Platz nicht in ihrem Denken, aber doch in ihrem Handeln und in der Folge bald auch in ihrem Fühlen zu akzeptieren und das fragile Spiel von Erpressung und Drohung und dem tastenden Öffnen und Wiederverschließen von Freiheitsräumen mitzuspielen.

Dass dieses Spiel sich am Ende dramatisch zuspitzt, lässt der Prolog bereits erahnen.

Die Handlung lebt dabei weniger von einschneidenden Ereignissen – die gibt es, sie sind aber nicht die Tragpfeiler der Geschichte – sondern aus der Entwicklung der Charaktere. Dabei ist alles bereits von vornherein in den Charakteren angelegt, aber noch im Schwebezustand, mit der Möglichkeit, vom eingeschlagenen Weg abzuweichen. Mit großem Geschick stellt Octavia Butler die Gemengelage und die wechselseitige Beeinflussung der unterschiedlichen Persönlichkeiten ihrer Protagonisten dar, mit dem allgegenwärtigen Einfluss der Sklavenhaltergesellschaft als unentrinnbarer Klammer darum herum, sodass die Handlung aus der Rückschau wie eine schreckliche Teleologie wirkt. „Es musste so kommen“, und doch bestand während des Lesens immer die Hoffnung, es würde anders kommen. Viele kleine Hoffnungen (dass es besser werden würde, dass Dana endlich nach Hause darf, dass Dana endlich von weiteren Zeitreisen verschont bleibt) im Wechsel mit vielen kleinen Ängsten (wann Dana wieder zu Rufus gerufen wird, wie Rufus auf dieses und jenes reagieren wird) tragen die Spannung weiter bis zum Schluss. Ich fand das Buch trotz der schwierigen Thematik erstaunlich „leicht“ zu lesen, da es dem Leser genügend Ruhepausen gibt, aber die Grundspannung von der ersten bis zur letzten Seite erhalten bleibt.

Ein weiterer Hinweis auf die große Erzählkunst Butlers war für mich dabei, wie exakt die Logik der Handlung der Logik der erzählten Zeit folgt. Entsprechend seiner Position in der Sklavenhaltergesellschaft als Weißer und „Master“ ist Rufus der kleine Gott der Handlung, von seinem Tun und Lassen hängt das Wohl und Wehe aller ab – und die Umstände seines Aufwachsens tragen nicht gerade dazu bei, dass er mit dieser Verantwortung sehr sorgfältig umgeht. Alle Wendepunkte der Geschichte sind durch das Handeln Rufus‘ ausgelöst. Die anderen Protagonisten – mit Ausnahme Kevins, der ebenfalls weiß ist – sind zu keinen echten Handlungen imstande und einzig über ihren Einfluss auf Rufus indirekt dazu fähig, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

Der einzige kleine Spielraum, der ihnen bleibt, ist ihre eigene Haltung im Geschehen. Sind sie willige Werkzeuge? Wie unterwürfig geben sie sich? Sind sie bereit, ihre Würde zu verkaufen, um Vorteile vom „Master“ zu erlangen? Diese individuelle Haltung wird unter den Schwarzen des Haushaltes breit thematisiert. Die Frauen der Plantage, die sich zu sehr auf das Spiel um Gunst und Missgunst des Meisters einlassen, werden als Huren beschimpft, Dana, die erkennbar ein viel ebenbürtigeres Verhältnis zu Rufus hat als alle anderen, gar als „white nigger“. Was in diesem Kontext nichts anderes bedeutet, als: Sie verrät ihre eigenen Leute und lässt sich zu sehr mit den Weißen ein, hebt sich aber auch durch die Zurschaustellung ihrer Bildung von ihrer eigenen Gruppe ab. Die Diskriminierung zwischen weiß und schwarz ist so tief in die Menschen eingegraben, dass beide Seiten sie letztlich durch ihr Verhalten stützen. Ein Teufelskreis, den Octavia Butler uns so stark erleben lässt, dass er unter die Haut geht.

 

Die Charaktere

Sie treten beim Lesen so plastisch vor Augen, dass ich am liebsten alle behandeln würde. So unterschiedlich sie sind (von der gebrochenen und doch so starken Alice bis hin zu Rufus‘ grausam-berechnendem, aber doch auf seine Weise prinzipientreuen Vater), sind sie alle gut nachvollziehbar und haben ihr eigenes Profil. Am wenigsten Profil hat dabei Dana, und das muss auch so sein: Sie ist unsere Identifikationsfigur, die mit demselben Verständnishorizont wie wir diese Zeit erlebt; unter ihrer Haut muss Platz für uns sein. Wir erleben sie am Anfang des Buches als emanzipierte Frau mit nicht gerade leichtem Start im Leben, die gerade dabei ist, durch ihre Heirat mit Kevin zur Ruhe zu kommen. Wie immer wieder leicht angedeutet wird, ist es eine trügerische Ruhe, in der Dana wie auch im Jahr 1815 Gefahr läuft, von ihrem Mann als der schwächere Part vereinnahmt zu werden. Auf beiden Seiten sicherlich ohne Absicht, doch implizite Vorannahmen zu Geschlechterrollen und Hautfarbe sind auch im Jahr 1976 noch am Werk.

Mit ihren Aufenthalten im Maryland des 19. Jahrhunderts wird Danas Charakter, mit dem sie vielen Menschen unserer Zeit in irgendeiner Form ähneln dürfte, in eine harte Konfrontation mit den neuen Bedingungen ihres Lebens geschickt. Sie muss für sie selbstverständliche Verhaltensweisen, die ihrem Gefühl von Gleichwertigkeit und Ebenbürtigkeit Ausdruck verleihen, teils unter der Drohung heftiger Gewalt aufgeben. Zwischen Zwang, Druck, teils psychischem Terror und ständiger Angst kämpft sie darum, diese Haltung nicht zu verlieren und gleichzeitig Schaden von sich und anderen abzuwenden.

Im Fokus steht dabei immer wieder ihr Verhältnis zu Rufus. Rufus, dessen Entwicklung vom unschuldigen, noch formbaren Jungen bis hin zum immer weiter in seine eigene Gesellschaft hereingewachsenen jungen Mann wir miterleben, ist der wohl widerständigste Charakter der Geschichte. In einer Welt, in der seine Bedürfnisse als weißer „Master“ im Zentrum stehen, nimmt er sich skrupellos, was er möchte, in dem sicheren Bewusstsein, im Recht zu sein. Dabei sind seine Bedürfnisse – nach Nähe, Liebe, Anerkennung – menschlich so nachvollziehbar und machen ihn zu einem doch nahbaren Charakter, in dem wir niemals das Monster sehen, als das er nach außen hin erscheint. Doch sein Umgang mit seinen Bedürfnissen, seine Mittel, sie zu erfüllen, ist destruktiv und hat katastrophale Auswirkungen auf seine Mitmenschen. Nicht einmal so sehr von Natur aus: In einem System, das eine Menschengruppe radikal der Willkür einer anderen Menschengruppe aussetzt, werden unschöne, aber letztlich natürliche menschliche Gefühle wie Eifersucht und persönliche Verletztheit zu Mitteln von Terror und Unterdrückung.

Dabei wird die Beziehung von Dana und Rufus zu einem Extremfall mit dem Potential, das System zu sprengen. Dana hat einiges, was sie relativ nahe an die Ebenbürtigkeit zu Rufus heranbringt: Sie rettet ihm mehrmals das Leben, wird für ihn gerade dadurch, dass sie ihm nicht nach dem Mund redet, sondern ein Widerpart und damit echter Gesprächspartner für ihn wird, zu einer wichtigen Bezugsperson, von der er emotional abhängig ist. Dass sie in Lebensgefahr verschwindet, sichert ihr einen gewissen Grad an Unabhängigkeit von Rufus. Angesichts von Danas Hautfarbe ein echtes Paradox in Rufus‘ Welt. Man spürt über den Roman hinweg seine Bemühungen, Dana einzuordnen, was für ihn heißt: Ihr ihren Platz in der Hierarchie der Sklaverei-Gesellschaft zuzuweisen, was ihm nie völlig gelingt. Auf der anderen Seite wünscht er sich ihre Nähe, macht ihr Zugeständnisse und wirbt um ihre Zuneigung. Letztlich spitzt sich dieses schwankende Verhältnis auf die Frage zu, ob er Dana als etwas anderes als sein Eigentum betrachten kann. Ein Sprung, der ihm nicht gelingt, was schließlich auch von Dana eine eindeutige Positionierung verlangt.

 

 

Sprache

Die Sprache von Kindred ist schlicht und elegant, dabei aber auch atmosphärisch dicht. Der Fokus ist präzise auf das gesetzt, was das Wichtigste ist: oft der Dialog, in dem vorsichtig Grenzen abgetastet werden und um Verständnis gerungen wird. Das Nichtgesagte ist hierbei oft ebenso bedeutend wie das Gesagte.

Obwohl die historischen Begebenheiten präzise und detailliert recherchiert sind, vor allem im Hinblick auf das Verhalten der Protagonisten, kommt der Roman mit relativ wenigen Details und einigen starken, eindrücklichen Bildern und Sprachfiguren zurecht. Selbst in hochemotionalen Szenen tritt der Erzähler taktvoll zurück und lässt der Empathie des Lesers Raum, was ich sehr stark fand. Ein Beispiel:

„I stared at her not believing, not wanting to believe… I touched her and her flesh was cold and hard. The dead gray face was ugly in death as it had never been in life. The mouth was open. The eyes were open and staring. Her head was bare and her hair loose and short like mine. She had never liked to tie it up the way other women did. It was one of the things that had made us look even more alike – the only two consistently bareheaded women on the place. Her dress was dark red and her apron clean and white.” (S. 248).

 

Fazit

Kindred ist ein Roman, in dem das phantastische Moment kein schmückendes Beiwerk, kein toller Effekt, sondern Programm ist. Er stellt die Frage: „Was wäre, wenn?“ und stellt mittels der Phantastik das literarische Experiment an, unsere heutige Sichtweise in Gestalt von Dana mit den (menschenverachtenden) Konventionen einer früheren Zeit kollidieren zu lassen und den Graben zwischen uns und dem, was abstrakt in den Geschichtsbüchern steht, zu schließen. Dabei greift Octavia Butler nicht zu der einfachen Lösung „gut – schlecht“, sondern thematisiert Problematiken unserer Zeit (der Roman erschien 1979, lässt sich aber, wie ich meine, gut auf 2018 übertragen) und würdigt ihre Errungenschaften. Auch die Vergangenheit wird, obwohl ihr Grauen dem Leser so nahe gebracht wird, dass es unter die Haut geht, nicht verurteilend, sondern verstehend betrachtet. Dass dieser Spagat gelungen ist, macht den Roman für mich zu einem der ganz großen, der mir auch persönlich viel gegeben hat.

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