Rafaela Creydt: Die Stadt am Kreuz

Ein herrliches High-Fantasy-Debüt,

…das durchaus das Zeug zum Evergreen hat. Es erschafft eine komplexe Welt, mit eigener Geographie, Mythologie und Brauchtum, die aber dezent im Hintergrund bleibt und die Bühne freihält für Action, Intrigen und die Entwicklung von vielschichtigen Charakteren und Beziehungen. Das Buch überzeugt durch seine Spannung, öffnet aber immer wieder kleine Türen hin zu grundsätzlichen Reflexionen auf das Menschsein.

Trigger-Warnungen: Im Buch werden körperliche wie psychische Gewalt, Gefangenheit und Selbstmord sowie traumatische Trennungserfahrungen thematisiert. Ein paar Beschreibungen könnten auch bei Menschen mit Höhenangst ungute Gefühle auslösen.

Die Handlung

Die Handlung beginnt mit einer doch sehr ungewöhnlichen Perspektive: Derjenigen des Antagonisten Tresten da Fijen. Dass er der Antagonist ist, lässt sich am Anfang zwar vage erahnen – wir merken, dass er ein eigensüchtiges Spiel treibt, dass er nicht mit offenen Karten spielt – ist aber doch keineswegs sicher. Er wird uns vorgestellt als Trauernder, der seine Verlobte Solven da Gwenn an eine Mörderin verloren hat, ausgerechnet an eine Mörderin, die einst ihr Schatten war, die Person, der sie ihr Leben bedingungslos anvertraut hatte: Teklija na Kamatasai, ihre N’Duma Dahn. D’Duma Dahn sind Leibwächter, Elitekämpfer, die durch Eid an ihren Zadih (so nennen sie die Person, deren kämpfender Schatten sie sind, und die meist Tjares, Angehörige der Elite der Insel Relven, sind) gebunden sind, ihm nicht von der Seite weichen und ihr Leben notfalls unter Aufopferung ihres eigenen Lebens verteidigen. Doch Solven wurde durch ihre N’Duma Dahn getötet. Ein Sakrileg.

Und Trestens Trauer um Solven, die als ein herausragender Charakter beschrieben wird, ist echt und sein Hass auf die Mörderin Teklija ein tief empfundener Hass. Rache an ihr zu üben, ist eines seiner Motive. Sein anderes ist Raika, die Frau, die er wirklich liebt, die er aber aus politischen Gründen nicht heiraten, geschweige denn engen Kontakt mit ihr haben darf. Es erscheint erstaunlich, dass Tresten scheinbar dabei mitgewirkt hat, dass Teklija vor Gericht nicht zum Tode, sondern lediglich zur Verbannung von Relven verurteilt wird. Das ist umso erstaunlicher, als Trestens Familie dem Gerichtshof vorsitzt, der Teklija verurteilt. Es gibt dem verschuldeten Tresten jedoch öffentlich den Anlass, sich als in seiner Ehre gekränkter Verlobter von seiner Familie loszusagen und sich Solvens reicher Familie, die außerdem nicht dem Kontaktverbot zu Raikas Familie unterliegt, anzunähern. Eine Adoption ist da nur noch Formsache…

Klingt nach komplizierten Verwicklungen? Die Handlung der Geschichte ist kompliziert. Zumal das eben Geschilderte dann plötzlich in den Hintergrund gerückt wird und sich die Geschichte in die titelgebende Stadt am Kreuz, Duremm, verlagert. (Die Kulisse Duremm ist übrigens atemberaubend entworfen: Ein Schmelztiegel aus den unterschiedlichsten Leuten und Institutionen, mit ein paar Features, die nichts für Leute mit Höhenangst ist. Die Welt ist sehr liebevoll und detailverliebt entworfen – man merkt ein bisschen, dass die Autorin auch Landschaftsarchitektin ist. Aber nirgends wird die Kulisse zu sehr „Selbstzweck“; immer stehen die Protagonisten im Vordergrund.) Dort begegnen wir der zuvor als Bestie geschilderten Teklija, die in einem Gasthaus ihre Verbannung aussitzt. Die Stimmung ist ziemlich depressiv. Teklija ist ohne Ziel, sie wartet einfach darauf, dass etwas vorbeigeht, ohne dass sie eine Ahnung hätte, was überhaupt vorbeigehen soll oder wie.

Ausgerechnet eine Wirtshausschlägerei (hinter der wahrscheinlich doch etwas mehr steckt), bringt schließlich den entscheidenden Wendepunkt: Teklija wählt aus einem Impuls heraus ihren neuen Zadih – ohne dessen Einverständnis. Ruben Raviod, einen Mann, den sie noch nicht einmal kennt. Er wird verschleppt, es entsteht eine wilde Verfolgungsjagd, im Zuge dessen Teklija noch einen weiteren Zadih, ein kleines Mädchen namens Ijana, für sich erwählt; sie findet Ruben kurz wieder und kann ihn in Sicherheit bringen, nur um ihn noch einmal an Entführer zu verlieren. Wohin ist er entführt worden? Von wem? Warum? Niemand scheint eine Ahnung zu haben.

Die Situation ist schwierig: Teklija hat nun zwei Zadih, darunter ein kleines Mädchen, über dessen Herkunft sie nichts weiß, obgleich sie ahnt, dass Ijana eine Tjares aus Relven ist. Sie muss Ijana vor Gefahren schützen, deren Quelle Teklija nicht kennt, und gleichzeitig ihren zweiten Zadih suchen und befreien. Eine unlösbar erscheinende Aufgabe.

Was zunächst wie zwei verschiedene Handlungen aussieht – Trestens Komplott und Teklijas selbstgestellte Aufgabe, zwei Menschen zu schützen – entpuppt sich im Laufe der Geschichte als komplex miteinander verwoben. Die zwei Handlungsstränge münden schließlich in einen einzigen, auf eine Weise, die kaum vorhersehbar war. Mit Höhe- und Tiefpunkten, mit ganz knappem Scheitern kurz vor dem Erfolg, mit erstaunlichen Wendungen in aussichtslosen Situationen.

Dieses Auf und Nieder gibt der Geschichte ihren Spannungsbogen und sorgt nachhaltig dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Zwar habe ich den Einstieg als etwas langatmig empfunden, weil er eben mit Tresten beginnt, der, obwohl seine Motive sehr plausibel gemacht werden, nicht gerade sympathisch ist (was auch Teklija am Anfang nicht wirklich ist). Doch sobald die Geschichte einmal Fahrt aufgenommen hatte, konnte ich sie kaum zur Seite legen und auch zunehmend mit den Charakteren auf Tuchfühlung gehen. Die Komplexität der Handlung und vor allem ihre Unvorhersehbarkeit hat „Die Stadt am Kreuz“ zum echten Lesevergnügen gemacht.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass mir oft im Rückblick die Handlung als nicht 100 % plausibel erschienen ist. Mir gefallen Geschichten am besten, bei denen ich nie im Leben selbst auf den Gedanken gekommen wäre, dass es so ausgeht, mir aber im Rückblick diese und jene Wendung so stringent erscheint, dass „es eigentlich nicht anders sein kann“. Das ist zugegebenermaßen eine hohe Kunst, und der Autorin ist es sehr oft geglückt! Besonders gut beim schlüssigen und nahtlosen Zusammenlaufen der beiden Handlungsstränge, aber eben nicht immer. Ich sage nur: Arrian der Angeber als ewiger Deus ex Machina oder der allzu kooperative Kaijatar na Tann am Ende der Geschichte.

Die Charaktere

Euch ist sicher aufgefallen, dass ich schon unter dem Punkt „Handlung“ sehr viel über die Charaktere und ihre Entwicklung geschrieben habe. Das ist so, weil die Charakterentwicklung kaum von der Handlung zu trennen ist. Der auktoriale Erzählstil des Buches tut dabei sein Übriges und dosiert die Einblicke, die wir in das Innenleben der Charaktere erhalten, sehr exakt, gibt nie zu viel auf einmal preis und lässt uns die Charaktere bis zum Schluss als Rätsel erscheinen, ohne uns zu sehr auf Distanz mit ihnen zu halten. Es ist fast, wie wenn man eine Person im wirklichen Leben kennenlernt, der man sich bald nahe fühlt, ohne dabei zugleich ihr Innerstes zu kennen.

Bestes Beispiel ist Teklija. Wir erleben sie von Anfang an in ihrer hinter martialischem Auftreten verborgenen Verletzlichkeit. Sie ist eine desillusionierte Frau, die nicht an die Wunde hinrühren will, die Solvens Tod und ihre Schuld daran in ihr hinterlassen haben. Das Vakuum, das der Wegfall ihrer Lebensaufgabe – in ihrem persönlichen Empfinden eher Lebensberechtigung – als N’Duma Dahn aufgetan hat, füllt sie mit Selbsterniedrigung und mit der Übernahme der unmöglichen Aufgabe, zwei Zadih auf einmal zu schützen. Einen Umstand, den sie explizit als Möglichkeit der Sühne interpretiert. Dementsprechend treibt das Gefühl des Scheiterns an dieser Aufgabe sie an den psychischen Abgrund, führt zu Kontrollverlusten und absolut zwanghaftem Verhalten. Insofern tritt uns „Tek“ plastisch vor Augen. Aber wir werden lange im Unklaren darüber gelassen, ob sie schon immer so war oder erst durch Solvens Tod dazu geworden ist, und wie es überhaupt zu diesem „Mord“ gekommen ist, an dem sie hinterher so stark leidet und die zumindest nicht ganz ins Bild passen will, das wir von ihr bekommen. Richtig verstehen können wir Teklija erst am Ende, und da ist sie bereits eine ganz andere geworden.

Sie ist ein ebenso gutes Beispiel dafür, wie gut der Einfluss von, nennen wir es mal „gesellschaftliche Institutionen“, auf die Entwicklung von Charakteren beschrieben, dargestellt und durchaus auch kritisiert wird. Durch eine harte Ausbildung gegangen, auf einen strengen Codex eingeschworen, hat Teklija durch ihre Position als „kämpfender Schatten“ eine Sicht auf die Welt und auf die Menschen entwickelt, die dem Leser zunächst völlig fremd ist, aber durch das lange Begleiten und langsame Herantasten an sie wieder sehr plausibel gemacht wird. Es ist eine Sichtweise, die jedes persönliche Ziel, jede vertraute Beziehung, jeden eigenen Willen des Schattens abwertet und als potentielle Gefahr für das eigentliche Ziel sieht. Das Leben des Zadih ist wichtiger – als alles. Versagen ist keine Option.

Bis Teks Lebenssicht sich langsam ändert und öffnet, braucht es viele traumatische Ereignisse und hartnäckige Menschen. Wie Arrian den Angeber und die kleine Ijana. Zu ihr will ich nur sagen, dass ich selten erlebt habe, dass ein Kind in einem Roman, der nicht aus der Sicht von Kindern geschrieben ist, besser dargestellt wäre. Ijana ist individuell und die gefährlichen Klippen „dummes Kind“ und „zu altklug für ein Kind“ gekonnt umschifft. (Das finde ich im Übrigen gar nicht so leicht.) Die Beziehung zwischen Tek und Ijana, die sich langsam entfaltet, verändert und entwickelt, ist sensibel und ohne Hast beschrieben und verleiht dem Roman sicherlich einen Teil seiner Schönheit.

Die Sprache

Sprachlich gesehen ist der Roman sehr dicht. Gemäß der komplexen Welt wird vieles sehr detailliert beschrieben. Das bremst das Lesetempo, während die Handlung weitergejagt wird, und verleitet an manchen Stellen zum Überspringen. Ab und zu hätte ich mehr „Zutrauen“ an die Phantasie der Leser gewünscht; man kann Dinge auch totbeschreiben. Das ist zum Glück nur sehr selten geschehen. In den ruhigeren Phasen werden auch starke und frische Bilder und Metaphern – und altbekannte Metaphern in neuem sprachlichen Gewand – für die Innenwelt der Protagonisten verwendet, die mich sehr beeindruckt haben. Ein Beispiel:

„Dies war ein Rand. Arrian spürte ihn, als stünde er am Abgrund und fühlte den hochsteigenden Wind über seine Glieder streifen. Seine Gedanken wanderten. Der Geist steckte seltsam lose in einem Körper, der noch nie so ungemütlich gewesen war. Lass ihn weiterwandern und du kehrst nie mehr zurück.“ (Creydt, Die Stadt am Kreuz, S. 275).

Und auch der Wortwitz kommt manchmal nicht zu kurz. Mein Favorit ist immer noch „die Schwiegermutter seiner Träume“.

Der Gender-Aspekt

Darüber schreibe ich bei weitem nicht bei jedem Buch, möchte diesen Aspekt in „Die Stadt am Kreuz“ aber als Good Practice-Beispiel hervorheben. Der Phantastik wird oft vorgeworfen, dass sie keine plausiblen Utopien im Hinblick auf Gleichstellung, soziale Ungerechtigkeit etc. mehr hervorbringen kann. Man dürfte gemerkt haben, dass Duremm und Relven weit davon entfernt sind, Utopien zu sein. In dieser einen Hinsicht aber durchaus: Die Unterschiede in der sozialen Stellung von Mann und Frau sind in Relven (der offenkundig kulturell höherstehenden Gesellschaft) nicht vorhanden, in Duremm wenig spürbar. In Relven sind zwei Frauen die Vorstehenden der beiden großen Gerichtshöfe. Frauen wie Männern steht die Ausbildung zu N’Duma Dahn offen. Frauen wie Männer der reichen Tjares-Elite beschäftigen sich in ihrer Freizeit mit dem Weben komplexer Muster. In Duremm scheint zwar Prostitution Frauensache zu sein, doch führt eine Frau das angesehenste Waffenhandelshaus der Stadt. Deren Tochter erobert den Mann, den sie liebt und der sie auch liebt, der aber etwas schüchtern ist. Und Tek ist eine Elitekämpferin mit Stärken und Schwächen, sicher aber vielen Ecken und Kanten, und komplexer charakterlicher Entwicklung. Geht doch auch, oder?

Und was denke ich nun?

Ich habe „Die Stadt am Kreuz“ als Roman erlebt, der in erster Linie Spaß machen möchte und die Leser hineinziehen möchte in eine bunte Welt. Der keine didaktische Absicht und kein Hauptthema hat, sondern fein und durchaus anspruchsvoll unterhalten möchte. Das tut er mit seinem komplexen Aufbau, seinen vielen Verwicklungen, seiner grundsätzlichen sprachlichen Qualität und den schillernden Charakteren in hervorragender Weise. Er zeigt, dass in der Fantasy nicht nur die ewig wiederkehrenden Tropen und Klischees sprachlicher wie inhaltlicher Art (vor allem bei den Geschlechterrollen…), die hier konsequent und sicher umschifft werden, überzeugen können, sondern einfach eine gut gemachte Geschichte an sich. Trotz allem regt der Roman in vielen kleinen Momenten, die eher Hintergrundmusik als Hauptthema sind, auch zum Nachdenken über Grundsätzliches an: Was macht einen Menschen zu dem Menschen, der er ist? Wie kann sich das verändern?

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