#SchreibnachtAdventskalender 17. Dezember: Buch der Jahre

Und wieder darf ich etwas beisteuern! Die Geschichte, die ihr hier lest, ist Ergebnis einer Schreibübung, die ich einmal angefertigt habe, und die sich nach und nach mit einem meiner Hauptprojekte verflochten hat. Sie hat weniger mit einer Kurzgeschichte gemein als mit einem Romankapitel (inklusive – davor sei gewarnt – einem kleinen Cliffhanger). Deshalb ist sie auch nicht dazu gedacht, euch mit einer fertigen Geschichte in die letzte Adventswoche zu entlassen, sondern mit einem Anfang, den ihr weiterspinnen und weiterträumen könnt. Ich werde das auch tun. Wenn ihr partout wissen wollt, wie es weitergeht, schreibt mir gerne – dann wird evtl. bald eine kleine Fortsetzung veröffentlicht!

Buch der Jahre

Lea Sager

Die Glocken begannen. Dumpf und schwerfällig tönte zunächstihr Schlag über das schneebedeckte Tal, bis sie sich warmgelaufen hatten, freudig ausholten und kraftvoll die Nacht einläuteten – die Heilige Nacht.

Ein paar Kinder hörte ich von draußen rufen. Ihre aufgeregten Stimmen verrieten mir den hoffnungsvollen Glanz in ihren Augen,obwohl ich die kleinen und großen Geschwister, die Hirten und Engel, Maria und Joseph und die Könige des Krippenspiels von dort, wo ich saß, nicht sehen konnte. Ich hätte zum Fenster treten und hinaussehen können. Doch ich saß in der Stube und rührte mich nicht von meinem zerlöcherten Sessel, der mit dem Rücken zum Fenster stand. Ich hatte kein Licht gemacht. Von außen waren die Fenster blind und dunkel wie die des alten Köppl-Hauses und niemand sah, dass ich hier war.

Der gedämpfte Glockenton verebbte langsam. Jetzt war niemand mehr auf den Straßen und Wegen.

 Warum war ich nicht auch gegangen? Die Frage war müßig, denn Gründe gab es mehr als genug. Ich konnte mich beim besten Willen nicht den Blicken aller aussetzen. Deshalb war ich gewiss nicht den weiten Weg aus Straubing gekommen. Trotzdem, in dieser Nacht allein zu sein, ganz unnötig allein …

Dabei war ich es mehr als gewohnt. In Straubing war ich an den Nachmittagen und Abenden, wenn die Schule vorbei war, immer allein und ichmochte das. Die Ruhe. Doch es war Heiligabend. Die Nacht, die jeden daran erinnerte, wo er vermeintlich hingehörte: Zu Menschen.

Und so beging ich, während in der Kirche der Pfarrer das Heilige Buch zum Altar trug und es öffnete, einen seltsamen Akt der Gemeinschaft und öffnete in der kalten Stube das Buch, das mein heiliges Buch war. Das Buch, dessentwegen ich nach Zwielitz gekommen war, zu dem ich heilige Liebe und heilige Abscheu empfand.

Zumal ich nicht im Traum an seine Existenz geglaubt hätte.

Ich entzündete eine Kerze, die ich im letzten schwachen Dämmerlicht auf dem Kaminsims fand – eines der wenigen Dinge, die nicht der ausgeprägten Verschwendungsabneigung der Zwielitzer zum Opfer gefallen war. Das Wachs war eiskalt und bei der Feuchte dauerte es etwas, bis der Docht Feuerfing.

Das Buch war von erstaunlich hoher Qualität, das Papier hell, der Schnitt sauber und die Heftbindung ebenmäßig. Ich fragte mich, wo meine Mutter es hergehabt hatte, denn sie hätte es nie selbst gekauft. Es wirkte fast wie ein Weihnachtsgeschenk – ein Geschenk von einem wohlhabenden Onkel, der seinem Patenkind selbst dann eine kostspielige Freude bereitete, wenn dieses es höchstwahrscheinlich nicht zu schätzen wusste.

Aber vielleicht hatte meine Mutter es tatsächlich zu schätzen gewusst.

Ich fuhr mit dem Finger über die Seiten und ließ das Buch wie einen Fächer aufflappen. Von der ersten bis zur letzten Seite starrte mir ihre pedantisch-feine Handschrift entgegen. Sie musste tatsächlich von Kindheit an in dieses Buch geschrieben haben: Am Anfang prangte dort, in Bleistift statt mit Tinte, die ungelenke, viel zu fest aufgedrückte, aber stolze Handschrift eines kleinen Kindes. Ihre Bemühtheit verlor die Schrift aber selbst auf den letzten Seiten nicht, auf denen die Tinte noch frisch war. Meine Mutter hatte eigentlich nicht viel geschrieben, woher sollte die Übung kommen? Selbst auf Briefe hatte sie meist nicht geantwortet.

Aber Tagebuch geschrieben?

Nicht Tagebuch, verbesserte ich mich in Gedanken. Ein Jahrbuch. Es stand kein Wochentag, kein Datum über den Einträgen. Lediglich eine Jahreszahl. Seit sie sechs Jahre alt gewesen war, fehlte keine einzige Jahreszahl. Wann hatte sie die Einträge geschrieben? Irgendwann im Laufe des Jahres? In den Rauhnächten? An Neujahr?

Ein seltsam leeres Loch bildete sich in meiner Magengegend. Das hier war nie für mich bestimmt gewesen. Durfte ich es überhaupt lesen? Hier, in dem Haus, das voll ihres Geistes war? (Und einen Augenblick dachte ich wirklich an unruhige, wandelnde Seelen. Nie kamen sie mir so real vor wie in diesem verlassenen Haus.)

Gewiss, ich würde es mitnehmen, damit es niemand anders fand. Zu Hause, weit weg von hier, könnte ich entscheiden. Vielleicht würde ihr Geist mir dort weniger anhaben können, sodass ich es lesen konnte. Oder ich käme zu dem Schluss, dass es die Pietät verlangte, das Buch für immer zu schließen. Ich erinnerte mich daran, wie es mir gegangen war, als ich alte Tagebücher von mir selbst nach Jahren wieder las: Wie ich mich selbst nicht mehr wiedererkannt, ja, mein früheres Selbst verabscheut hatte. Niemals hätte ich gewollt, dass nach meinem Tod jemand meine Tagebücher las.

Aber einsame Nächte sind keine Nächte für Pietät und Vernunftentscheidungen. Hier, in diesem Haus, wollte ich, dass meine Mutter diese Nacht bei mir war. Aber sie konnte es nicht mehr anders sein als in diesem Buch.

Also begann ich wider alle Vernunft zu lesen – hinten, wo die Tinte am frischesten und die Handschrift mir am vertrautesten war.

Anno Domini 1825

Wieder ist ein Jahr vorüber (ich hatte beim Überfliegen gesehen, dass sie jedes Jahr mit diesemSatz begann).

Wieder ist ein Jahr vorüber und dieses hier hat mich demTod nahe gebracht. Ich habe jedes Jahr versucht, aus meiner Zeit das Beste zu machen und sie gut zu nutzen – ich habe das Haus aufgebaut, Kinder zu wenn auch nicht immer anständigen, so doch fleißigen und tauglichen Menschen erzogen. Den Rest muss der Herr tun. Er muss vollenden, was ich nicht schaffe. Ich habe meinen Mann gepflegt bis zu seinem Tod. Ein ganzes Jahr ist es nun schon her, dass er gegangen ist, ich musste gestern schon die ersten Moosflecken von seinem Grabstein entfernen. Ich habe das Haus hochgehalten, es ist alles in Schuss, obwohl meine Knochen nicht mehr recht wollen. Trotzdem ist dieses Jahr –nachdem der Vinz in die Stadt gegangen ist – zum ersten Mal die Zeit so zach (sie wusste nicht, dass man das „zäh“ schrieb) geflossen, hat sich gezogen wie Hefeteig und hat kaum vergehen wollen. Weihnachten war wie immer. Dass ich nun über 1825 schreibe, ist schon das einzige, was dieses Jahr Ereignisreiches gebracht hat.

Ich habe alles getan, wie ich konnte. Aber da es zu Ende geht, das spüre ich in den Knochen – dass ich arbeite, dass ich aufschreibe, was soll das jetzt noch?

TOCK. TOCK.

Ich blickte auf. War das Einbildung gewesen?

TOCK. TOCK. TOCK.

Ganz im Gegenteil. Das Klopfen war laut und deutlich, hatte sich aber nur schwer durch die dicke Decke, die die Worte über mein Bewusstsein gelegt hatten, durchgekämpft. Ich fuhr zusammen und schlug vor Schreck das Buch zu – wie ein kleiner Junge, den man bei Verbotenem ertappt hat. Wer konnte dassein? Ein Nachbar, der daheimgeblieben war?

Mein Instinkt war, reglos sitzen zu bleiben und zu warten, bis der nächtliche Besuch verschwände. Doch der Schein der Kerze verriet mich. Und das Letzte, was ich brauchen konnte, war eine Rotte besorgter Nachbarn, die die Tür einschlug, um den vermeintlichen Einbrecher zu stellen.

Als ich die Tür öffnete, blies ein heftiger Windstoß Schneekörner auf die ausgeblichenen Dielen und in mein Gesicht. Vor mir stand eine Gestalt, wie ich sie noch niemals gesehen hatte. Er trug einen langen, für dieses Wetter viel zu feinen roten Samtmantel, der mit grün-goldenen Bordüren eingefasst war. Sein Haar war hell, beinahe weiß, und schütter. Sein Gesicht kantig und vom Alter zerfurcht.

Ich starrte ihn an, unfähig, ein Wort zu sagen.

„Mister Vinzenz? May we come in?“

Ich hatte nur meinen Vornamen verstanden und schüttelte leicht den Kopf.

Da schob sich hinter dem breiten Mann im Samtmantel ein Mädchen vorbei, fast eine junge Frau. Auch sie war fein in Lederstiefel und einen Wollmantel gekleidet, aber doch viel praktischer als der alte Mann. Ihre knubbelige Nase und ihre schmalen Augen verliehen ihrem Gesicht etwas Freches, Verschmitztes. Sie sah aus wie eine, die in der höheren Töchterschule Ärger machte.

„The glasses! We forgot the glasses, silly. ‘Course he can’t understand us.”

Sie nestelte an den Manteltaschen des alten Mannes herum und fischte zwei Augenzwicker hervor, von denen sie einen ziemlich grob auf seine Nase setzte, den anderen auf ihre eigene. Währenddessen streckte ihm der alte Mann die Hand entgegen wie einem Geschäftspartner.

„Arkwright. Hendric Arkwright, I’m very pleased to – Sie kennenzulernen. Dürfen wir hereinkommen?”

Während ich nickte und ein “gern” herauspresste, streckte mir auch die junge Dame die Hand entgegen und machte einen höflicheren Knicks, als ich ihr zugetraut hätte. „Agatha Barrett, es freut mich sehr.“

„Vinzenz Dörffler.“, sagte ich, doch Agatha Barrett war schon neben mir ins Haus gehuscht und hatte eine zweite und eine dritte Kerze vom Kaminsims genommen und angezündet. Hendric Ark-irgendwas hatte sich im zerlöcherten Ohrensessel niedergelassen und bot mir gönnerhaft meinen eigenen Stuhl an. Überaus vorsichtig – denn es hatte seinen praktischen Grund, wenn die Nachbarn ein Möbelstück nicht mitgenommen hatten – ließ ich mich nieder. Die junge Dame saß derweil recht undamenhaft im Schneidersitz und hatte einen großen, flachen Kieselstein vor sich niedergelegt. Ein merkwürdiges rotes Glühen ging von ihm aus. Sie zog aus ihrem Rucksack einen Teekessel hervor –wer in drei Himmels Namen schleppte einen Teekessel mit sich herum? – füllte ihn vor der Tür mit Schnee und stellte ihn auf den glühenden Kiesel. Schon bald begann Wasserdampf aus dem Kessel aufzusteigen; im Schein der Kerzen schien er sich wie zwei silbrige Schlangen emporzuwinden. Die junge Frau saß davor wie der Schlangenbeschwörer aus dem Orient, den ich einmal in einer Zirkusvorstellung gesehen hatte.

Ich zeigte auf den glühenden Kiesel. „Was ist das?“

Sie lächelte schief. „Sagen wir so – ein Erbstück. Die Herstellung hat gute hundert Jahre gedauert. Den letzten Schliff habe ich ihm gegeben.“

„Age ist außerordentlich begabt in diesen Dingen.“, warf der alte Mann ein.

„In diesen Dingen? Was soll das heißen? Ohne unhöflich sein zu wollen, wüsste ich langsam gern,was Sie zu mir führt.“

„Einen Augenblick Ruhe gönnen Sie uns am Heiligen Abend noch, nicht wahr?“ Auch der alte Mann – Hendric – machte sich nun an seinem Beutel zu schaffen, holte eine Schale hervor und drapierte Plätzchen aus einer zerbeulten blechernen Dose darauf, während das Fräulein Barrett Tee eingoss und beiläufig erklärte, dies sei das beliebteste Getränk ihrer Heimat, schwarzer Tee aus China mit ein wenig Bergamotte-Öl.

„Das heißt, Sie kommen aus England?“

„Ja, aus Bath.“

Wir saßen uns nun gegenüber, ich auf dem wackeligen Stuhl, der alte Mann im löchrigen Sessel und das Fräulein Barrett auf der halb abfallenden Armlehne. Zwischen uns stand die Plätzchenschale auf dem staubigen Boden. Jeder in unserer merkwürdigen Runde hielt mittlerweile eine Teetasse inder Hand.

„So redet es sich besser.“, begann die junge Frau, die von ihrem Begleiter Age genannt wurde. „Wir sind wegen des Buches gekommen.“

Erst jetzt bemerkte ich, dass es im Schoß des alten Mannes lag und seine erstaunlich dünne und zarte Hand darauf ruhte, als müsse er es schützen. Wütend fuhr ich von meinem Stuhl auf. „Das ist privat. Das geht Sie nichts an.“

„Doch, das tut es! Es ist ein mächtiges –“

„Sachte, Age, sachte. Woher soll er es denn wissen? Wir haben ihm noch kaum etwas erklärt.“

An mich gewandt fuhr er fort: „Sie haben vorhin den Glutstein bemerkt, nicht wahr? In diesem Glutstein lebt Chale – das Feuer, die Wärme, das Prinzip der Wärme schlechthin. Der Stein hat Chale – oder besser gesagt, einen Teil von Chale, aber das ist genauso viel wie Chale selbst –während der Jahre, in denen er auf dem Grund der heißen Quellen von Bath lag, aufgesogen – unterstützt durch unsere Kunstfertigkeit. Er ist gewissermaßen eine Hochzeit von Natur und Kunst … “

Das Fräulein verdrehte die Augen. „Er liebt es, anzugeben. Dabei ist das natürlich großartig – aber so besonders auch wieder nicht. Man gewöhnt sich daran.“

„… und so können wir Chale ganz nebenbei für uns nutzbar machen, zum Beispiel, um ohne Feuerstelle Tee zu kochen.“

Ich blickte ungläubig zwischen den beiden hin und her. Was sollte das? Wer oder was war Chale? Mein Verstand hatte die Erklärung zwar begriffen – das Prinzip der Wärme – doch mein flatterhaftes, verängstigtes Herz hörte darin nur den Namen eines Teufels.

Eines Teufels, der sich gerade in meine Teetasse übertragen hat., dachte ich den Sachverhalt zu Ende. Ich stellte die Tasse mit spitzen Fingern am Boden ab.

Ein Teil von mir wollte die ungebetenen Gäste sofort des Hauses verweisen. Ein anderer Teil jedoch war begierig, weiterzuhören.

„Geben Sie mir jetzt mein Buch zurück.“, sagte ich nur. Der alte Mann reichte es mir zögerlich.

„Ich bezweifle im Übrigen, dass es Ihnen gehört.“ Damit hatte er leider Recht. Hatte ich mehr Anrecht darauf als irgendein Fremder? Schließlich hätten auch die Nachbarn das Buch vor mir finden und mitnehmen können.

Doch Hendric fuhr gelassen mit seiner Erklärung fort. „Anders als Chales Glutstein gibt es auch Dinge, die ohne Zutun kundiger Menschen, jedenfalls ohne bewusstes Zutun, mit… ich nenne sie jetzt: Prinzipien und Essenzen durchtränkt werden. Diese Gegenstände haben eine starke Verbindung zu ihnen und sind daher so machtvoll wie sie, sind aber im Gegensatz zu diesem Glutstein unberechenbar, weil eben der zweite Teil des Hochzeitspaares, die Kunst, fehlt. Sie sind unkontrollierbar und können viel Gutes, aber auch großen Schaden anrichten.“

Ich bemerkte, wie ich langsam den Kopf schüttelte, wie von selbst, so als wäre das nicht ich. Alles war so absurd. Zwei Engländer am Heiligabend in Zwielitz, die mir etwas von Prinzipien, Essenzen und Hochzeitspaaren erzählen wollten. Und auf einem Stein Tee kochen konnten. Ich musste träumen. Ich musste auf dem Ohrensessel eingeschlafen sein und jeden Moment mit dem Buch in der Hand erwachen.

„Humbug, der größte Humbug, den ich je gehört habe. Was Sie mir erzählen, ist ganz einfache Physik. Ein Stein, der von ‚Chale‘, wie Sie es nennen, durchtränkt ist, ist einfach mit Wärme aufgeladen. Ein heißer Stein eben. Das ist etwas ganz Gewöhnliches – und Sie verkaufen es mir als Wunder?“

Der Alte schmunzelte und Age lächelte breit. Sie sprang von der Armlehne und nahm den Stein unter dem Teekessel weg. Es sah aus, als beugte sie sich über den Stein und täte etwas damit – da sie mir den Rücken zukehrte, konnte ich nicht erkennen, was.

„Fangen Sie, Vinz!“ Der Kiesel flog in meinen Schoß und ich riss die Hände hoch, um den heißen Stein nicht mit der bloßen Haut zu berühren. Er landete auf meiner Hose, ich sprang auf, der Stein kullerte zu Boden wie eine Münze und stieß gegen die Plätzchenschale.

Das Mädchen lachte, dass ihr Augenzwicker bebte. „Sie können ihn ruhig anfassen, er ist nicht mehr heiß!“

Zögerlich, nicht ohne zuerst die Wärme der Luft um den Stein zu prüfen, berührte ich ihn und nahm ihn schließlich in die Hand. Er war kalt. So kalt wie der Boden.

Chale!“, flüsterte sie. Augenblicklich erwärmte sich der Stein in meiner Hand, zunächst nicht mehr als bis zur Hautwärme, dann wurde er angenehm warm wie heißes Badewasser. Unwillkürlich schloss ich die Hand um ihn und genoss die Wärme.

„Ich kann machen, dass Ihnen die Hand verdampft, wenn Sie den Stein anfassen. Ich kann den Stein aber auch angenehm warm sein lassen.“

„Wie ist das möglich?“

„Der Stein ist eine Verbindung zu Chale, wie ich bereits sagte.“, erklärte Hendric und ließ sich in den Sessel zurücksinken. Ich legte ihm den Stein in die ausgestreckte Hand. „Und wir sind hier, weil es in diesem Haus eine mächtige Verbindung zu… einer Entität gibt, deren Namen ich weder kenne noch aussprechen möchte. Aber sie ist mächtig, sehr mächtig. Sie ist wie die Zeit. Groß, ewig, kalt. Kalt und doch bis an den Rand gefüllt mit menschlichen Erfahrungen. Und vielleicht gerade deshalb gefährlich.“

Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Doch ich spürte noch die wohlige Wärme in meiner Handfläche.

Chale.

Das Fräulein hatte sich wieder auf die Armlehne gesetzt. Wie zufällig blickte ich in ihre hinter dem Zwicker verborgenen Augen und erschrak beinahe. Zum ersten Mal, seit sie hier war, schienen ihre Gedanken fern zu sein; sie schien vergessen zu haben, dass wir ebenfalls im Raum waren. Das – so wurde mir bewusst – passte nicht zu ihr. Das konnte ich sagen, obwohl ich sie erst wenige Minuten gesehen hatte. Ihre Mundwinkel verzogen sich wie von Schmerz.

Plötzlich blickte sie auf und geradewegs in meine Augen. „Es ist das Buch.“


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