Stefan Bachmann: Die Seltsamen

Ein Steampunk-Klassiker

… der durch seinen wunderschönen Handlungsbogen, seine schrullig-chaotischen Charaktere und durch eine düstere und doch bunte Welt besticht. Ein paar Mängel in der Charakterentwicklung können das Lesevergnügen kaum trüben. Nicht zuletzt hoffe ich, dass einige Aspekte der Rassismus-Thematik im zweiten Band, Die Wedernoch, besser reflektiert werden als in diesem Buch.

Die Handlung

Die Handlung beginnt mit einem der bestgemachten Info-Dumps, die ich je gelesen habe. Er ist so gut, weil es so ungewöhnlich ist, was er berichtet: Wie sich in der Stadt Bath spontan ein Portal zwischen der Feenwelt und unserer Welt öffnet, wie eine ganze Stadt verschwindet, Feen in die Welt der Menschen kommen, ein Krieg zwischen Feen und Menschen ausbricht, sich mühsam das Zusammenleben zwischen den alten und neuen Bewohnern Englands einpendelt, das auch nicht gerade die Definition für „Frieden“ der UNO erfüllen würde.

Dann ein Sprung in eines der Feenslums von New Bath, der Stadt, die auf dem Grund des alten Bath errichtet wurde. Dort lebt Bartholomew Kettle zusammen mit seiner kleinen Schwester Hettie und seiner Mutter. Sie sind bitterarm, die Mutter gibt Wachstropfen in die Suppenbrühe, damit die Kinder denken, es wäre Fleisch darin, und wäscht mit Sand und Kräuterlauge die Wäsche anderer Leute. Und weder Bartholomew noch Hettie dürfen sich draußen sehen lassen. Langsam wird klar, warum: Sie sind Mischlingskinder, Kinder einer menschlichen Mutter und eines Hochelfen, eines Sídhe, der die Familie aus nur angedeuteten Gründen verlassen hat. Sie sind Seltsame. Und die Seltsamen, weder Mensch noch Fee, sind in einer Welt, in der Feen und Menschen sich feindlich hassen, für ausnahmslos alle ein Ärgernis.

So ist das Leben von Bartholomew und Hettie hart, eintönig und einsam.

Und dann wird plötzlich der Nachbarsjunge, ebenfalls ein Mischlingskind, von einer seltsamen Dame abgeholt. Und man munkelt von grausamen Morden, von toten Mischlingskindern, die man aus der Themse fischt…

Die Handlung ist also eine Mischung aus der Ergründung eines Geheimnisses (was es mit den toten Kindern auf sich hat) und einer Rettungsgeschichte, denn letztlich gerät Hettie in die Fänge der mysteriösen Mörder, deren Motive im Laufe der Geschichte immer durchscheinender werden. Die Handlung wirkt dabei oft chaotisch und von Zufällen hin- und hergeschaukelt, die sich jedoch letztlich nicht als Zufälle herausstellen, sondern logisch (um bei der Steampunk-Optik zu bleiben) wie Zahnräder ineinandergreifen und die Gesamthandlung ergeben. Ich fand die Geschichte unheimlich spannend und hätte das Buch locker in einem Rutsch weglesen können, was aber nicht heißt, dass es nicht auch stille Momente gibt, die rein der Charakterzeichnung dienen. Eine hervorragend gelungene Balance, wie ich finde!

Und ach ja, wer das Buch liest, sollte mit Cliffhangern am Ende kein Problem haben.

Die Charaktere

Die Handlung wird von zwei Hauptcharakteren getragen, deren Perspektiven sich gleichmäßig abwechseln. Bartholomew ist, ganz logisch, einer davon. Der zweite, der Parlamentsabgeordnete Arthur Jelliby, müsste interessanterweise in der Geschichte gar keine Rolle spielen, sondern schlittert mehr zufällig (mit einem erstaunlichen Gespür für den richtigen, oder aus seiner Sicht falschen, Zeitpunkt und Ort) in die ganze Sache hinein. Beide sind sehr wenig idealisiert dargestellt, sondern haben mehr als genug Macken, was sie beide nahbar und „menschlich“ macht (falls man das in diesem Kontext so sagen kann).

Hier muss ich lediglich sagen, dass ich die letzte Wendung des Buches, die entscheidend am Handeln von Bartholomew hängt, dabei kaum nachvollziehen konnte. Er war für meinen Geschmack, und für das was Bartholomew sonst so von sich gezeigt hat, in dieser Handlung zu idealistisch, vor allem wenn man sich die enorme, auch emotionale Drucksituation vorstellt, in der er so gehandelt hat. Vielleicht aber war das auch die einzige Szene, die nicht ganz so gut geschrieben war, zu sehr aufgeladen mit Pathos, um emotional verständlich zu sein. (Wobei Bartholomew tatsächlich manchmal zu Pathos neigt.)

Die Sprache

Die Sprache ist gemäß dem Ambiente (einem magischen England mit Dampftechnologie) oft etwas altmodischer gehalten und blumig, aber auf so dezente Weise, dass es den Lesefluss nie behindert:

Mr. Jelliby hielt seine Uhr so fest umklammert, dass das Glas zu bersten drohte. Sein Blick huschte durch das Zimmer. Was sollte er nur tun? Er konnte zur Tür gehen und demjenigen entgegentreten, der da hereinkommen wollte. Oder er konnte sich verstecken. In dem Aktenkabinett zum Beispiel.

(Bachmann, Die Seltsamen, S. 106)

Und was denke ich nun?

Gerade da das Buch das Debüt des (damals noch sehr jungen) Autors ist, hat es mich wirklich beeindruckt. Ein paar Mängel sehe ich, die aber gut überwindbar sind. Sonst beeindruckt das Buch durch überaus geschickte Handlungsführung, schöne Sprache und zwei Charaktere, mit denen man sehr warm werden kann.

Ein paar Dinge noch, die ich vermisst habe, von denen ich aber hoffe, dass der zweite Band, Die Wedernoch (noch nicht gelesen), sie einlösen wird: Das Verhältnis von Menschen und Feen besser zu reflektieren. Im Moment finde ich die Feen (die freilich eine sehr heterogene Gruppe von „niederen“ Feen wie der Rattenfee, die sich in den Verstand ihrer Opfer hineinfrisst, und den Sídhe, den Hochelfen, die mit den Menschen vergleichbar, aber doch ganz anders sind, reicht) überwiegend negativ dargestellt, als sehr fein, hinterlistig und moralisch flexibel. Das wird bis zur letzten Szene durchgehalten, in denen Bartholomew sich in seinem (positiv dargestellten) Handeln von seinem „Feenerbe“ bewusst abgrenzt. Rassismus ist ein großes Thema im Buch, das aber nur in Bezug auf die Mischlinge wirklich reflektiert wird – was vielleicht auch mit den Perspektiven, aus denen das Buch erzählt wird, eben ein Mischlingskind und ein Mensch, eng zusammenhängt. Im zweiten Band würde ich mir wünschen, dass auch die Perspektive der Feen eingenommen wird und verständlicher wird als in diesem Buch. Es gibt bislang höchstens eine Fee, deren Motive genauer beleuchtet werden. Davon erhoffe ich mir für den zweiten Band mehr – und habe auch schon eine Figur im Verdacht, die genau das liefern könnte.

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