Thekla Kraußeneck: Aurel Aspen

Ein Buch zwischen Phantasie und Realität, Irrungen und Wirrungen,

das dem Leser Nerven wie Drahtseile abverlangt. Das Buch hat mich tief beeindruckt als eine hart zu schluckende und doch fesselnde Lektüre, die aber eine Triggerwarnung gebraucht hätte.

Trigger-Warnungen: In dem Buch werden folgende Themen angesprochen, die meiner Meinung nach eine Trigger-Warnung bräuchten:

  • Suizid/Suizidgedanken, die teilweise stark konkretisiert werden
  • Schuld
  • emotionaler Missbrauch
  • Waffengewalt
  • Folter (auch sexualisiert)
  • Vergewaltigung
  • Sex
  • Tod (auch von Kindern)
  • Kannibalismus
  • Wahnvorstellungen/Verschwimmen von Realität und Vorstellung

Ich hoffe, ich habe nichts vergessen. All das kann auch in der Rezension thematisiert werden.

Meine Textausgabe(n): Ich habe die e-book-Version gelesen und rezensiert, es gibt aber auch eine limitierte Print-Version mit Illustrationen der Autorin selbst. Wer Thekla alias @wintermohn auf Twitter folgt, weiß, wie cool ihre Illustrationen sind. Sie hat mir übrigens das e-book kostenlos zum Rezensieren angeboten, ich hatte es aber ohnehin schon – nur um das transparent zu machen. Meine Meinung zu diesem Buch hat es nicht beeinflusst.

Die Handlung

Recht harmlos setzt Aurel Aspen damit ein, dass die gleichnamige Hauptfigur Aurel, ein Jugendlicher mit einem schon viel zu großen Päckchen an Problemen auf seinen Schultern, Zuflucht beim Polizisten Mike sucht. Mit der Polizei hat Aurel schon Bekanntschaft gemacht, und Mike vertraut er wenigstens halbwegs. Aurel ist von Zuhause abgehauen, von einer scheinbar emotional missbrauchenden Mutter – und von seinem Freund Georg, der seine Schuld verkörpert. Denn Aurel hat, so interpretiert er es selbst, zugelassen, dass Georgs kleine Schwester Alina bei einem Brand ihr Leben verliert.

Aurel Aspen ist übrigens ein sprechender Name. Aurel (vgl. lat. aurum Gold) weist auf Aurels später wichtig werdendes goldenes Herz hin, Aspen (vgl. engl. aspen Espe, wie beim sprichwörtlich zitternden Espenlaub) auf seine Zerbrechlichkeit. Ein Auslöser genügt und die Situation eskaliert, Aurel haut ab, wird von Georg, der ihm den Tod seiner Schwester vorwirft, gestellt – und von ihm getötet.

Auf Seite 39 des Buches stirbt die Hauptfigur.

Zumindest vorübergehend, denn hier löst sich die Handlung von der Realität. Aurel gerät in den Limbus, eine Art Vorhölle, die verrückter nicht sein könnte: Dort werden, die Herzen der Verstorbenen gewogen. Herzen, die so leicht sind wie eine Feder, werden erlöst. Herzen, die schwerer sind, werden – hier wird es verrückt – von einem alten König gegessen und verdaut, der unter dieser Pflicht endlos leidet. Als Aurels Herz an der Reihe ist, geht ein Raunen durch den übrigens von Spinnenwesen bevölkerten Limbus: Denn Aurels Herz ist aus Gold. Verzehrt er es, kann der König von seiner Pflicht erlöst werden. Und Aurels Herz ist schwer, sodass es der König eigentlich essen müsste.

Doch Aurel wird ein Aufschub gewährt. Er darf in die Welt zurückkehren und dort versuchen, sein Herz zu erleichtern.

Kurz noch kehrt Aurel in die Welt zurück, redet mit Mike, der ihm seine Geschichte nicht glaubt (vor allem, weil Aurels vermeintlicher Mörder im Koma liegt, wie Mike behauptet), haut wieder ab – und stolpert prompt in eine neue Parallelwelt (oder ist es wieder der Limbus?), in der noch andere „Wiedergänger“, die noch eine Chance bekommen, verweilen.

Und wer jetzt meint, er hat die Struktur der Geschichte und das Genre des Romans verstanden (nach dem Schema „reale Ebene – phantastische Ebene“), der irrt. Die Aufgaben, die Aurel lösen muss, um sein Herz zu erleichtern, stellen jedwede Ebene der Realität infrage. Weder Vergangenheit noch Gegenwart (von der Zukunft ganz zu schweigen) sind klar. Mal ist Aurel das Opfer, mal der Täter, mal sind Menschen seines Umfelds gut, mal böse. Mal ist etwas real, mal nicht, und beides ist unglaublich schwer bis gar nicht zu unterscheiden. So verwirrend und verworren die Handlung ist, sie behält ein angenehmes Tempo, hat Pausen zur rechten Zeit, lässt aber nicht los und bleibt immer zielgerichtet. Dass Phantasie (zumindest der Limbus beansprucht ja nicht einmal die Fiktion der Realität) und Realität so verschwommen und so schwer unterscheidbar ist und die gesamte Handlung fast schon kafkaesk ist, macht auch das hohe Brutalitätslevel des Buches einigermaßen erträglich. Manche von Aurels „Aufgaben“ sind, man kann es nicht anders ausdrücken, der blanke Horror. (Müsste ich eine Genre-Einordnung vornehmen, würde ich es wohl irgendwo zwischen Horror und Fantasy verorten.) Ich bin da selbst sehr empfindlich und mag daher Horror eigentlich nicht. Aber der Schleier des Surrealen und dass die Sprache zwar den Leser nicht schont, aber keinesfalls voyeuristisch ist und sich nicht in der Brutalität ergeht, macht das ganze auch für empfindlichere Seelen wie mich ganz okay.

Nun zum Ende: Auch das Ende klärt die Frage, was real ist und was nicht, nicht wirklich auf. Es ist ein friedliches Ende, in der Aurel die Stärke hat, sich gegen – was eigentlich? Die Vergangenheit? Sich selbst? – aufzulehnen. Aber es erklärt wenig. Die Handlung und auch Aurel selbst bleiben bis zum Ende ein Rätsel. Und ich meine, dass das so sein soll.

Die Charaktere

Auf Aurel liegt natürlich der Fokus. Ich finde ihn wahnsinnig gut geschrieben. Aurel scheint in jedem Fall ein Problem mit der Auseinanderhaltung des Realen und der Vorstellung zu haben, zudem hat er selbst in der realen Welt schon eine Stimme im Kopf, die er Franky nennt. Seine (vielen) psychischen Probleme, die von Schuldkomplexen über Suizidgedanken reichen, verdecken seinen Charakter dabei aber nicht, sondern er ist lebendig und individuell und (auch wenn Teile in ihm evtl. zu Schrecklichem fähig sind) sehr sympathisch. Dass er ein goldenes Herz hat, würden wir auch ohne die Limbus-Szene wissen. Sein Leid, seine Verzweiflung, aber auch seine Momente der Erleichterung und des Wohlgefühls erlebt der Leser stark mit, was umso beeindruckender ist, da der Roman nicht in der Ich-Perspektive geschrieben ist.

Als weiteren sehr interessanten Charakter habe ich Aurels Mutter empfunden. Wir erleben sie nur durch Aurels Linse. Ihr Einfluss auf ihn ist beträchtlich, und sie scheint sowohl eine sehr liebevolle als auch eine emotional missbrauchende Mutter zu sein. Wie sehr sie emotional missbrauchend ist, das bleibt ein Stück weit im Ungewissen, wie alles in diesem Roman ungewiss ist. Einige Dinge, die sie ihm angetan hat – sind sie „real“ (also unabhängig von Aurels Interpretation wirklich passiert, und sie sind wirklich krass) oder nur in Aurels Kopf? Wir wissen es nicht. Aber ahnen, dass sie Aurel zumindest beträchtlich verletzt hat.

Die Sprache

Die Sprache ist wirklich großartig. Sie ist schlicht und klar und im „Default-Modus“ dezent atmosphärisch, aber auch Stilbrüche werden gekonnt eingesetzt. Vor allem wenn Aurels Kopfstimme Franky spricht, kommt Slang zum Ausdruck. Wie immer, eine kleine Kostprobe:

Sie starrten abwechselnd ihn und den pumpenden Muskel an, die eine bewundernd, die andere befremdet. Aurel, der ihre Aufregung nicht verstand, betrachtete sein Herz. Auf einmal bemerkte er etwas: Das Herz leuchtete wie Bernstein.

Was hat das zu bedeuten, dachte er.

Dass du hier den Beweis dafür hast, dass du nicht ganz normal bist, sagte Franky. Selbst im Tod brauchst du noch ’ne Extrawurst.

(Kraußeneck, Aurel Aspen, S. 45)

Und was denke ich nun?

Eine große Schwäche hat das Buch meines Erachtens, und das sind die fehlenden Trigger-Warnungen. Einiges, vor allem die sehr konkreten Suizidgedanken fast schon Pläne Aurels, könnten bei diesbezüglich vulnerablen Menschen sehr gefährlich sein. Aber von diesem gerade beim e-book leicht behebbaren Makel mal abgesehen, ist das Buch unkonventionell, bedient keine festgefahrenen Genre-Zuschreibungen und kaum Tropes. (Das Buch hat mir mit dieser Eigenart übrigens Lust auf mehr Selfpublishing-Bücher gemacht.) Es ist atmosphärisch stark, packend geschrieben, mitnehmend und dabei unterhaltsam. Und es bewirkt beim Leser (also mir zumindest) nicht zuletzt eine höhere Feinfühligkeit für Menschen, bei denen alles anders ist – und das soll Literatur ja, oder?

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